Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 18/10 vom 05.05.2010

Speiben in Leoben

„Soziale Harmonie!“ (Franz Voves)

Selbstverständlich muss Soziale Harmonie großgeschrieben werden, gerade in Zeiten wie diesen, auch eingedenk der Tatsache, dass dieses Konzept ein, gelinde gesagt, chinesisches ist. Ein sehr zentrales Handlungsmuster dieser sozialen Harmonie besagt beispielsweise, dass es verboten ist, eine Interaktion so zu gestalten, dass daraus eine Konfliktsituation entsteht, lernen wir aus dem Businessführer China. Hat seinen (speziellen) Platz im „großen Ganzen“ und wird dementsprechend behandelt. Auf soziale Harmonie bedacht sind auch österreichische, und wir dürfen sagen: speziell steirische ÖBB-Schaffner, wenn sie kurz vor Abfahrt in Leoben noch mal den Bahnhof abschreiten, um die Raucher einzusammeln, ihnen unmerklich zunicken, um stumm zu sagen: „Wir fahren, aber nicht ohne dich!“ Die Anteilnahme für jeden Einzelnen geht aber nicht so weit, dass sie sich auf jemanden erstrecken würde, der sich auf der anderen Seite des Bahnsteigs gerade so was von übergibt, dass man schon beim Zuschauen ein Ziehen in den Gedärmen verspürt. Es kann dann durchaus passieren, dass der Schaffner sehenden Auges zur Abfahrt pfeift, die Raucher ihre Zigaretten ausdämpfen und am Bahnsteig liegen lassen, das kotzende Mädchen zurücklassen, ihr Rucksack liegt noch im Speisewagen, und sich wieder in ihre chinesische Lektüre vertiefen. Bis Graz üben sie dann noch Aphorismen, die irgendwie nach Konfuzius oder Dalai Lama klingen und schreiben sie an die ÖBB-Klowände. Z.B.: Einem Kind NICHT das Fischen beizubringen, rettet die Fische nicht.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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