Vernissage

Präsidentenporträts als nationale Heiligtümer

Lexikon | aus FALTER 19/10 vom 12.05.2010

Im westlichen Verständnis des Begriffs „Kunst“ wird seit dem 19. Jahrhundert der individuelle Selbstausdruck impliziert, der sich frei, ohne Rücksicht auf Politik oder Klerus äußert. Nach dieser Definition könnte man Kunst, die einzig einer Ideologie dient, als angewandte Kunst begreifen. So ist es wohl zu erklären, dass jetzt die Schau „Blumen für Kim Il Sung“ mit Kunst aus Nordkorea ins MAK kommt. Aus der letzten stalinistischen Diktatur der Welt werden dann erstmals im Westen Propagandamalereien und -plakate, Diktatorenporträts und -plastiken sowie Regimebauten zu sehen sein. Wie einst in Russland und China schaffen in Nordkorea heute noch linientreue Künstler Paradiesbilder von glücklichen Arbeitern und Bauern.

Die Porträts der Präsidenten Kim Il Sung und Kim Jong II gelten als Nationalheiligtum und haben zuvor noch nie das Land verlassen. Abstrakte oder konzeptuelle Kunst wird von offizieller Seite nicht geduldet, ebenso wenig wie nicht staatlich organisierte Ausstellungen. Ein Teil der Schau führt in das nach dem Koreakrieg (1950–53) neu aufgebaute Pjöngjang. Auch hier prägen monumentale Bauten zu Ehren der Präsidenten, wie der höchste Steinturm der Welt, Triumphbögen und Mausoleum, die Stadtplanung.

Bereits in der Vergangenheit hat das MAK stalinistische und faschistische Kunst gezeigt, aber dabei handelte es sich um überwundene Diktaturen. Wenn nun einem totalitären Regime, das mit seinem Atomprogramm international provoziert, eine Plattform geboten wird, ist die mediale Aufmerksamkeit gewiss. Laut PR-Text soll die Kunst die „einzige gesellschaftliche Kraft“ sein, die Grenzen überwindet. Dass dieser Radical Chic als Ausstellungsprojekt wirklich etwas für die Völkerverständigung erreicht, darf bezweifelt werden. ns

Mak, Mi 20.00; bis 5.9.


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