Kritik

Wenn sich Artisten als Schlampen entblößen

Lexikon | aus FALTER 19/10 vom 12.05.2010

Auf der Viennafair ließ er aus seinem Hintern ein Kondom wachsen, sodass es wirkte, als hätten seine Verdauungsgase den Ballon aufgeblasen. Es reicht die Beschreibung dieser Performance, um den vollbärtigen Deutschen Thomas Palme als Enfant terrible auszuweisen. Zum Glück bietet seine aktuelle Schau „Rising Spinett“ bei Konzett mehr als nur solchen Brachialhumor. Palme erweist sich als guter Zeichner, der den Stift mal für akribische Naturtreue, mal mit expressiver Teufelskralle einsetzt. Die Papierarbeiten überziehen die Wände, ausgeschnittene Zeichnungen hängen auch an quer durch den Raum geschnürten Schnüren. Im letzten Winter weilte der 1967 geborene Künstler als Artist-in-Residence in Krems, wo er jetzt auch in der Factory der Kunsthalle Krems ausstellt. Die bei Konzett präsentierten Arbeiten sollen der „beidhändige“ Output chronisch schlafloser Nächte sein.

Von der Decke hängt das Spinett, freilich nur ein falscher Nachbau, dessen Tasten wie ausgefallene Zähne am Boden liegen. Was dieses Instrument hier soll, wird etwas klarer bei der Vertiefung in Palmes Porträtgalerie gegenüber, die Komponisten zeigt. „Riccardo Strauss“ trägt den Kopf eines Orang-Utans – Palme zeichnet Tiere fast besser als Menschen – und Beethoven zwei Kreuze als Hörner. Kreuze gehören überhaupt zum fixen Inventar jeder Zeichnung. Deutsches Bildungsbürgertum goes Gothic: Da lässt Jonathan Meese, aber auch Kubin grüßen. Eine zweite Serie stellen die „Künstlerhuren“ dar, nackte Pornokörper mit Denkerkopf, etwa in der Zeichnung „Thomas Bernhardt Edelhure“. Insgesamt strengt so viel zur Schau gestelltes „Ich, besessener Artist“ an. Wer sich jedoch in die leicht zu übersehenden Textelemente von Palmes Arbeiten vertieft, bekommt noch eine ironische Ebene geliefert. ns

Galerie Konzett, bis 12.6.


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