Das ist der Trick mit dem diagonalen Durchblick – mit dem Sichtbeton in der Ecke und der bunten Jugendstildecke

Feuilleton | Jan Tabor | aus FALTER 19/10 vom 12.05.2010

Die Architekten von propeller z haben nicht mit Einfachheit gespart. Stellenweise sieht es in der neuen Bawag-Galerie aus, als wäre dem Bauherrn das Baugeld ausgegangen. Man könnte auch mutmaßen, dass die auffallende und überaus wohltuende Einfachheit eine Architektur gewordene Demonstration jenes eisernen Sparwillens sei, von dem man neuerdings so oft hört.

Dem aber ist nicht so. Denn die Bawag Contamporary wurde erst angemietet, als die Neugestaltung bereits abgeschlossen war. Die Hausbesitzer Franziska und Christian Hausmaninger beauftragten propeller z, die geräumigen Lokale (in dem sich davor eine große Radiologenordination befand) so umzubauen und zu vereinen, dass das neue Lokal für verschiedene Nutzungen offen steht. Man kann auch sagen: Propeller z haben nicht mit Gestaltungsneutralität gespart.

Entstanden ist dabei eine Art White Box – reichlich verwinkelt, mit vielen brauchbar getrennten Ausstellungsräumen und schönen diagonalen Durchblicken. Die Galerie hat 630 Quadratmeter, vier Ebenen, zwei Eingänge (am Franz-Josefs-Kai und in der Wiesingerstraße) einen Knick in der Mitte und allerlei bemerkenswerte Einzelheiten.

Die Decken vor allem – und hier in erster Linie jene in der Eingangshalle. Unter den in zahlreichen Umbauten zugefügten Schichten entdeckte man die ursprüngliche, ungemein bunte und auch kunsthistorisch wertvolle Jugendstil-Decke, die eine wohl komponierte Musterkollektion der Fliesen- und Keramikfirma Brüder Schwadron war.

Nun ist es ein Prunkstück der neuen Galerie, eine Art object trouvé. Das gleiche gilt für die anderen Decken, an denen sogar Reste der Anstriche belassen wurden, nouveau réalisme in diesem Fall. Auch nouveau brutalisme, wenn man die neuen Gestaltungen einbezieht, bei denen die Architekten mit unveredeltem Beton nicht gespart haben.

Man kann auch sagen: Die propeller z-Architekten gingen mit dem Vorgefunden so wie einfühlsame Archäologen um.


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