Fragen Sie Frau Andrea

Bankl reißn, Bock aufstön

Kolumnen | aus FALTER 19/10 vom 12.05.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

letztens habe ich mit Freunden den wunderbaren Film „Freundschaft“ angeschaut. Hauptdarsteller Erwin Steinhauer hat da gemeint, dass die Hofratswitwen ihr Geld dem Tierschutzverein vermachen, bevor sie „a Bankl reiß‘n“. Mich interessiert nun, woher der Ausdruck kommt. Ich bedanke mich schon jetzt für Ihre Antwort.

Mit besten Grüßen, Regine Bohrn, per Elektronachricht

Liebe Regine,

lange bevor „Freundschaft“ verfilmt wurde, war der Stoff ein überaus erfolgreiches Kabarettprogramm, das die Autoren Florian Scheuba und Rupert Henning für das kongeniale Bühnenpaar Steinhauer/Henning verfasst hatten. Erwin Steinhauer und Rupert Henning spielen im Film wie auf der Bühne Vater und Sohn aus sozialdemokratischem Haus und haben damit Zugang zu blumigen Begriffen aus dem Proletariat und aus bildungsferneren Schichten der ostösterreichischen Bevölkerung.

Der Ausdruck „a Bankl reißen“ (eine Sitzbank umreißen) gehört zum Standardrepertoire an Urwiener Ausdrücken für Sterben. Er kommt wie viele ähnliche Sprachbilder aus dem Rotwelschen, dem Sonderwortschatz der Fahrenden und Vaganten, der Bettler und Kleinkriminellen. Strenggenommen würde eine begüterte Wiener Hofratswitwe allerdings kein Bankl reißen, sondern maximal eine Ottomane werfen, eine Chaiselongue stoßen oder schlicht von der Récamière fliegen.

Kehren wir aber zum Rotwelsch-Wienerischen und seinem reichen Repertoire an Ausdrücken für den Exitus zurück. In Wien stirbt man nicht, man hupft in die Kistn, stöd die Patschen, die Bock und die Hammerln auf oder haut en Löffl weg. Man mocht a Eckn oder reißt a Brezn, springt ins Sackl (in den Anzug) oder ziagt in Hoizpyjama an. Man wird vom Banernen ghoit oder vom Quiqui und wird en Deife sei ersta Haaza (des Teufels erster Heizer).

Auch der Suizid wird blumig beschrieben. Lebensmüde gebm si die Kugel, haun si ins Pendel und in Lichthof, schmeißen si ins Hangerl, drahn die Gas auf, gengan maukas (von jiddisch macho – ausgelöscht sein) oder foan ganz still und heimlich min Anasibzga – mit der Straßenbahnlinie 71 zum Zentralfriedhof.


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