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Apartheid in den Köpfen: „Schande“ nach Coetzee

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 20/10 vom 19.05.2010

I am a servant of eros.“ Das ist natürlich keine so gute Verteidigung vor einer akademischen Untersuchungskommission. Doch David Lurie (John Malkovich), Professor für englische Literatur an der Universität in Kapstadt, ist an einem Freispruch gar nicht interessiert. Er gibt unumwunden zu, eine schwarze Studentin verführt zu haben, nimmt gelassen seine Kündigung entgegen und fährt zur Farm seiner in Abgeschiedenheit lebenden Tochter Lucy (Jessica Haines).

„Schande“ („Disgrace“), inszeniert von Steve Jacobs nach dem gleichnamigen Bestseller des Südafrikaners J. M. Coetzee, setzt gewissermaßen dort fort, wo zuletzt Clint Eastwoods Nelson-Mandela-Film „Invictus“ endete: Was geschieht mit einer Gesellschaft, die nach jahrzehntelanger Trennung zueinander finden muss? Jene Grenzen, die auch nach der Apartheid in den Köpfen bestehen, kann man jedenfalls nicht wie Lucy mit Wachhunden verteidigen. Und so nimmt die junge Frau die Schuld der Weißen auf ihre eigene Art auf sich.

Doch wer das tut, darf nicht auf Gnade hoffen: So wie John Malkovich unter der ausgestellten Gelassenheit Luries immer wieder dessen Nervosität und Ohnmacht herausstellt, so liegen auch unter diesem Film angespannte Wut und Angst. Dass Lucy vor dem hilflosen Vater von drei schwarzen Jugendlichen überfallen und vergewaltigt wird, ist schließlich keine Kehrtwende, sondern ein Katalysator – was danach kommt, ist noch schlimmer.

„Schande“ ist ein relevanter und zugleich problematischer Film, weil er versucht, das Leiden der Weißen auf dem „Schwarzen Kontinent“ als Katharsis verständlich zu machen. Wohl deshalb bringt Lurie streunende Hunde ins Tierheim, um sie dort töten zu lassen – oder eben zu erlösen.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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