Lebendig gebaute Welt: Szyszkowitz + Kowalski in Berlin

Steiermark | aus FALTER 20/10 vom 19.05.2010

Seit mehr als hundert Jahren residiert die Akademie der Künste Berlin, die 360 Mitglieder zählt und die Archive von rund 1200 Künstlern aller Sparten von Brecht bis Schlingensief hütet, am Pariser Platz. Die Zeitenbrüche haben hier ihre Spuren hinterlassen: In denselben Hallen, in denen einst Albert Speer an Hitlers Fantasiemetropole „Germania“ baute, arbeitete in den Fünfzigern Fritz Cremer an den Figuren seines Buchenwald-Mahnmals. Und heute noch sind am Boden die Umrisse der Zelle zu erkennen, in der DDR-Armisten nach dem Mauerbau „Grenzverletzer“ verhörten. Vor vier Jahren haben nun Behnisch & Partner das Gebäude zu einem großzügigen, offenen Haus erweitert, das seither regelmäßig mit großen Werkschauen glänzt, von Hans Haacke etwa oder zuletzt von George Grosz. Aktuell wird hier „Zeichnen zum Ort“ von Szyszkowitz + Kowalski gezeigt, die der Akademie jüngst Teile ihres Archivs geschenkt hatten. Zwanzig Projekte – darunter der erste gemeinsame Bau, das „Haus über Graz“ (1974) – sind in drei mit viel Gefühl gestalteten Räumen dokumentiert. Mit Modell und jeder Menge Entwurfszeichnungen. Einmal ist es ein Post-it, auf dem ein vager Entwurf skizziert ist, oft sind es aber auch farbenfrohe Buntstiftzeichnungen, die so sauber ausgeführt sind, als kokettierten sie bereits mit ihrer nachmaligen vom Bauvorgang unabhängigen Verwertung. Welcher der beiden Architekten im Einzelfall Hand angelegt hat, bleibt verborgen. Dort, wo sich kleine Tierwesen in die Entwürfe geschlichen haben, wird es vermutlich Karla Kowalski gewesen sein. Nur: Wer hat das Wort „blöd“ zum Entwurf des Kulturhauses in St. Ulrich notiert? Insgesamt eine fröhliche Spurensuche, dazu eine auch dem Architekturlaien sinnlich zugängliche Schau zu einem über Jahrzehnte mit größter Konsequenz und sichtbarer Lust entwickelten Werk. Tw


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