Selbstversuch

Aha, das macht das Theater also

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 20/10 vom 19.05.2010

Nein. Man musste mich dann doch nicht einweisen. Aber Schorsch Kamerun machte hinterher ziemlich genau das Gesicht, das ich an mir erwartet hatte, während ich ziemlich belämmert durch die Erleichterung taumelte, dass diese Theatersache einfach nur vorbei war. Ich hatte mich in meiner Richterrobe, die in Wirklichkeit ein College-Abgänger-Kostüm war, zu albern gefühlt, um dazu auch noch den Mund aufzumachen. Folglich saß ich einfach nur 50 Minuten lang als blöde grinsendes Requisit auf der Bühne der Garage X, plapperte nur einmal etwas Entbehrliches und schenkte dazu ein Getränk namens „Yppe“ aus: Das hatte Schorsch Kamerun eigenhändig und zu gleichen Teilen aus Wodka, Eierlikör und Gin gemixt, und ich täte, obwohl ich ich bin, im Leben keinen Schluck davon machen. (Geistesgestört: ja, suizidal: nein.) Derlei Mädchenskrupel kannte Kapitän Neidhart nicht, was man seiner Rede aber keineswegs anmerkte, allerdings war es praktisch, dass auf der anderen Seite seines Stehtisches eine Richterin/Collegeabsolventin diesen entschlossen vor dem Bühnenabrutsch bewahrte. Frau Gustav war als Kuratorin kostümiert, Herr Pfister als Polizist, und der Lange trug ein ziemlich beschmutztes Bischofskostüm. Kamerun sang mit Schauspielstudierenden, das war sehr poetisch. Hinterher wurde ich ein entschiedener Fan von Erobique, einer dieser Figuren, die man nicht erklären kann, weil man sie gesehen haben muss. Denn die Erklärung, dass der Herr Erobique ein bauchiger, mitteljunger Mann mit Schnauzer ist, der ein reizendes, technoides Alleinunterhalter-Elektropiano spielt und dazu stehgreifgedichtete Lieder zum Vortrag bringt, kann den Zauber und den Charme dieses Herrn nicht erfassen. Es ist mit Erobique so ähnlich wie mit dem Austrofred. Den glaubt man auch nicht, bevor man ihn gesehen hat.

Dennoch: Es war so, wie Schorsch Kamerun, nachdem sich seine Miene entknittert hatte, sagte: Es gibt Sachen, die muss man einfach machen, auch wenn man eigentlich nicht an sie glaubt, oder sich dabei unwohl fühlt, oder sie überhaupt gar nicht kann. Und zwar der Gelegenheit wegen, sie in einzigartiger Gesellschaft zu tun, mit Menschen, die eben nur genau in diesem Moment an diesem Ort sind. Dabei mit Karacho scheitern? Gerne, jederzeit, aber das gehört eben zu den Dingen, bei denen man nur den einen Fehler machen kann, sie aus Feig- oder Borniertheit nicht zu tun. Denn am Ende bereut man doch nur das, was man sich aus lauter Schiss versagt hat. Mist gebaut, Fehler gemacht, deppert gewesen? Ja, gerne. Leben, respektive.

Und außerdem war ich am anderen Tag so überfeinfühlig: Alles berührte mich ganz extra dramatisch, ich fühlte Sachen, die ich so nie fühle, spürte ganz genau, was andere spüren, und ich dachte: aha. Das macht es also mit einem, das Theater. So. Am übernächsten Tag merkte ich dann aber, es war nur PMS gewesen. Den Kamerun-Abend will ich dennoch nicht missen.


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