Ausstellung Kritik

Spanischer Davidstern unter Wiener Halbmond

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 21/10 vom 26.05.2010

Eine faszinierende Geschichte: Jahrhundertelang leben Juden unter muslimischer Herrschaft in Spanien und werden von dort von den Katholiken vertrieben. Sie flüchten ins Osmanische Reich, lassen sich nicht nur in Istanbul und Izmir, sondern auch in Thessaloniki und Belgrad nieder. Über Portugal gelangte ein Teil der Ladino sprechenden Gemeinde nach Amsterdam und Hamburg.

Das Jüdische Museum zeigt in der Ausstellung „Die Türken in Wien“ die verschlungenen Wege der Sepharden, wie die aus Spanien stammenden Juden genannt werden. Was die Sephardim mit Wien zu tun haben? Die Friedensverträge zwischen den Habsburgern und dem Osmanischen Reich im 18. Jahrhunderts brachten den türkischen Juden Freiheiten; es wurde ihnen die freie Religionsausübung zugesichert. Die Sephardim nutzten die Nische, um Handel zwischen Ost und West zu betreiben. In ihrer Kultur überlebten mittelalterliche Mystik und Poesie. Die beachtenswerte Ausstellung zeigt Dokumente und Kultobjekte der verstreuten Gemeinden. Ein Tondokument von 1908, aufgenommen in Sarajevo, vermittelt den exotischen Klang des Ladino. Eine Partitur von 1915 ruft eine merkwürdige Konstellation in Erinnerung: Ein sephardischer Wiener Komponist schrieb eine Hymne auf seinen Sultan.

Die Melancholie des Untergangs liegt auf diesen Zeugnissen. Mit der Shoah wurden die meisten Gemeinden vernichtet. Einige Museumsobjekte erinnern an den sephardisch-türkischen Tempel im maurischen Stil, der 1887 in der Leopoldstadt eingeweiht wurde. Im Vorraum erwies man mit Porträts dem habsburgischen und dem osmanischen Regenten die Reverenz. 1938 wurde dieses Juwel Wiener Sakralarchitektur zerstört, die Träger dieser Gemeinde zu einem großen Teil in den Tod deportiert.

Jüdisches Museum, bis 31.10.(


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