Theater Kritik

Das Vorstadttheater mit Horwáth beim Wirt

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 21/10 vom 26.05.2010

Matthias Ohner ist ein ungewöhnlicher Schauspieler. Trotz oder gar wegen der Mankos seiner Kunst: Technik Null Komma Josef, ein überschaubares Ausdrucksrepertoire, von Bühnendeutsch kaum eine Spur. Einzigartig ist hingegen die lässige Selbstverständlichkeit, mit der Ohner seine bemerkenswerte Bühnenpräsenz entwickelt. Sie veredelt die Schlichtheit seines Spiels, macht sie zum zentralen Element eines ganz persönlichen Stils.

Zugegeben: Das funktioniert nicht in jeder Rolle. Aber zuweilen gelingt ihm eine Interpretation, die ihresgleichen sucht. So zum Beispiel bei der von Regisseur Ed Hauswirth eingerichteten Dramatisierung von Ödön v. Horváths „Ein Kind unserer Zeit“, die Ohner unter dem reanimierten Label „Vorstadttheater“ zeigt.

Unterstützt von einem Ensemble aus Zigarettenschachteln, Ladykrachern, Sprühkerze und einem Handy, das Militärmusik oder Frauenstimmen ausspuckt, breitet Ohner die bedrückende Geschichte des namenlosen Icherzählers aus. Hauswirths Erzählbrüche, die von den 1930ern in die Gegenwart springen, bringt er mit einer Souveränität, die die Frage nach ihrer Notwendigkeit gar nicht erst aufkommen lässt. Mit dem Gasthaus Heinrichhof hat das Vorstadttheater einen perfekten Horváth-Ort ausgewählt, Anna Viebrock hätte kein schöneres Bühnenbild basteln können. Hier stimmt einfach alles: vom gut gezapften Vorstadtbier bis zum seit Jahrzehnten rauchveredelten Wirtshausduft.

Auf seiner Tour durch die Turnsäle und Klassenzimmer dieses Landes wird das Vorstadttheater diese Qualitäten zwar nicht bieten können, dafür wird den Schülern ein locker inszeniertes Stück zum anbrechenden NS-Wahnsinn serviert, ein Zeitporträt von bemerkenswerter Tiefenschärfe.

Heinrichhof, Graz, Fr, Di 20.00


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