Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 21/10 vom 26.05.2010

Abgeschrieben

Nach der Lainz-Affäre (Krankenschwestern hatten Insassen ermordet, waren aber erst medial, noch nicht gerichtlich verurteilt) kehrte der vorübergehend suspendierte Primar zurück an seine Abteilung im Lainzer Krankenhaus. Anlass für eine profunde, gesellschaftlich argumentierende – damals ging das noch – Polemik von Werner Vogt.

Vogt fragte: „Ist das wirklich Unschuld, was als großer, ungeklärter Rest zurückblieb? Die Tragödie von Lainz ist kein gewöhnliches Ereignis. Die Tragödie ist nicht erklärbar, wenn man die mutmaßlichen Vollstrecker dieser Taten nach Motiven, Uhrzeiten und Dosierungen befragt. Die Täter sind immer auch Opfer einer allseits verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber biologisch Schwachen, sind weiter nichts als langjährig erprobte Mitläufer im Übersehen von letzten Bedürfnissen.

Peter Brückner hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass außerordentliche Verbrechen, etwa die Kindestötung, einer breiten Basis von alltäglichen Misshandlungen bedürfen, gewissermaßen die, Spitzenleistung‘ der jahrelangen, gesellschaftlich akzeptierten Gewalttätigkeit an den Hilflosen darstellen. Viele, fast alle üben Gewalt aus. Es gibt also ein günstiges öffentliches Klima für die alltägliche Kindesmisshandlung. Sie ist akzeptiert. Das hindert freilich die moralisierende Öffentlichkeit nicht, die letzte Konsequenz aus der unendlichen Zahl tolerierter Gewaltanwendungen, die Tötung, lautstark zu verurteilen.

Die Einübung zur Tat also wird übersehen. Die Tat selbst fällt von einem unschuldigen Himmel. Nicht anders verhält es sich mit den Tötungsdelikten an biologisch Schwachen, an Schwerkranken, Sterbenden. Auch hier besteht eine breite Basis an Ignoranz gegenüber der vorhandenen Hilflosigkeit. Niemand hat Zeit und Zuwendungslust, fast alle Alten wandern an den Rand des medizinischen Interesses. Wer ausdiagnostiziert ist, wird abgeschrieben. Der Krankheitsfall wird zum Pflegefall degradiert.“ AT


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