Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die beste Langzeitliaison der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 21/10 vom 26.05.2010

Keith und Charlie machen Musik

Ob Gary jetzt eifersüchtig ist? Seit mehr als einem Vierteljahrhundert halten Gary, Keith und Jack eine stabile musikalische Ménage à trois aufrecht. Die Beziehung zwischen Keith und Charlie geht freilich noch um ein Jahrzehnt weiter zurück, als diese für zwei Jahre einen flotten Vierer am Laufen hatten, und weil alte Liebe bekanntlich nicht rostet, haben sich die beiden vor drei Jahren – „zu mir oder zu dir?“ – bei Keith zuhause eingefunden, den Bass zur Hand genommen beziehungsweise sich an den Flügel gesetzt und das getan, was Leute wie die beiden Ausnahmemusiker in raren Momenten zuwege bringen: Sie haben den Jazz neu, nein, noch einmal erfunden.

Unglaublich, was die 65-jährige Prinzessin auf dem Steinway und die wahrscheinlich zwiderste Krätzn des Jazzzirkus (Jahrgang 1937) hier in nicht einmal einer Stunde und acht Stücken aus dem Great American Songbook schaffen.

Einen besseren Einstieg als J. Fred Coots’ „For All We Know“ kann man sich schwer vorstellen. Es ist, als schlüge der Song hier zum ersten Mal seine Augen auf – und wäre zugleich immer schon da gewesen. Die Lyrics (Samuel M. Lewis), die naturgemäß nicht zu hören, gewiss aber gemeint sind, beginnen so: „For all we know we may never meet again.“

Über „Where Can I Go Without You“ bis hin zu „Goodbye“ und „Don’t Ever Leave“ spannt sich – den Midtempo-Bereich allenfalls andeutungsweise verlassend – ein Zyklus des Beisammenseins und Abschiednehmens, der in seiner unprätentiösen, aber raffinierten Schlichtheit und schlackenlosen Innigkeit seinesgleichen sucht. Wann hat man zuletzt eine so uneitel und unvirtuos geniale Platte gehört? Nein, es kann nicht sein, dass Gary Peacock eifersüchtig ist. Und es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass dieses Jahr noch ein schöneres Jazzalbum erscheint als „Jasmine“ (ECM) von Keith Jarrett und Charlie Haden. Also, Gary, ruf Keith an, schnapp deinen Bass und auf ins Cavelight Studio! Mal sehen, was Charlie dazu sagt.


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