Selbstversuch

Hier hat ja kaum irgendjemand Kinder

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 21/10 vom 26.05.2010

Zuerst hat mich ein erbarmungsloser Schnupfen angefallen, dann hat man ein Stück aus einem meiner penibelst durchkomponierten Texte gerissen und hinterrücks abgedruckt, danke, es reicht schon. Aber eben erfahre ich, dass eins der Kinder, die beim Geburtstagsessen des Langen in unserem Bett einen Film angeschaut haben, Läuse hatte. Ja, super! Bitte lasst immer alle Kinder mit Läusen gleich in unsere Betten kriechen! Prima! Ich habe ja sonst nichts zu tun! Und es ist ja erst das dritte Mal in diesem Jahr!

Also wieder: Alles und alle waschen und nissenkämmen, zur Vorbeugung, denn bisher hatten wir in diesem Gesamthaushalt nur einmal zwei Stück Läuse, und dabei würde ich es gern belassen. Nicht, dass man deswegen weniger Umstände hätte, man wäscht und kämmt ja trotzdem, und ich weiß, dass Sie das Gejammer schon kennen. Und, ja, ich würde Ihnen gern wieder mal völlig neue, innovative Erkenntnisse im größeren Kinderei- und-Verelterungskontext liefern, aber, sorry, die sind gerade aus.

Und bei uns ist das ja auch nicht so ein Thema. Drüben in Deutschland, da streiten sie in der FAZ in großem Stil darüber, wie man eine Familie ist und ob man dabei cool bleiben soll oder bitte nicht, und hier ressortiert man mit diesem Thema auf der Dies-und-das-Seite, eh prominent, aber. Ich versuche es einmal so zu erklären: In Deutschland erscheint die neueste von mehreren Familienzeitschriften, das Bobo-Blatt Nido, jetzt monatlich und in einer Auflage von 200.000 Stück. Aber das ist Deutschland, bitte: Hierzulande, in dieser Stadt und unter den Lesern und Mitarbeitern dieser Zeitung und anderer Blätter, hat ja kaum wer Kinder. Sollen sich die paar, die welche haben, das doch bitte untereinander ausmachen und ihre Probleme am Spielplatz besprechen, man braucht mit so etwas wirklich nicht den ganzen schönen Wichtigere-Dinge-Platz zuzuschreiben. Wie sich das so lebt, mit Kindern, und mit Kindergärten und Schulen und Erziehungskonflikten und Läusen.

Zum Beispiel, dass das mit den Scheiß-Läusen bei uns ganz falsch geregelt ist. Wenn ein Kind Läuse hat, muss man es aus der Schule und sich freinehmen und mit dem Kind zum Arzt gehen, denn solange es kein ärztliches Lausfrei-Attest hat, darf es nicht mehr in die Schule.

Also, was tun Sie, wenn Ihr Kind zum dritten oder vierten Mal Läuse hat? Genau das, was alle tun: Sie behalten es schön für sich und sagen dem Kind, es soll bloß die Klappe halten.

In Deutschland braucht man so ein Attest übrigens nicht, und das ist eine sehr, sehr gute Idee, auch für hier: Weil die Eltern Läuse dann nämlich eher melden würden, und man nicht erst draufkommen täte, wenn alle in der Schule und im Hort sie haben, zum fünften bis zwölften Mal. Aber bitte, alles Minderheitenproblematiken. Ich ziehe jetzt die Betten ab. Und dann mache ich jemanden wegen dieses zersägten Texts zur Sau, aber so.


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