Kritik

Lubitsch à la Pollesch: Pantomime im Radio

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 22/10 vom 02.06.2010

René Pollesch schreibt seine Boulevardkomödien für Intellektuelle wie am Fließband. Weit mehr als 100 Stücke hat der Berliner Autor/Regisseur bisher geschrieben und inszeniert; ungeniert bedient er sich dabei am Zitatenschatz der Populärkultur und bei Texten aktueller Denker. Material für „Peking Opel“, seine fünfte Wiener Arbeit, waren Schriften von Giorgio Agamben („Profanierungen“), Jean-Luc Nancy („Singulär plural sein“) und Klaus Theweleit („Objektwahl“); die Personenkonstellation hat Pollesch aus Ernst Lubitschs Komödie „Serenade zu dritt“ (1933) übernommen, in der die Französin Gilda mit dem Maler George und dem Dramatiker Tom einen platonischen Dreier bildet – und den Werbefachmann Max ehelicht.

Bei Pollesch sind George (Marc Hosemann) und Tom (Martin Wuttke) zwei Radiomacher, deren größter Erfolg eine Radiopantomime (!) namens „Die stille Stunde“ ist. In dem Dramatiker Tom, der unter anderem dem Dialog zutiefst misstraut („Der kann sich nur um das kümmern, was eh im Pass steht“), mag man einen Stellvertreter Polleschs sehen, der ja auch peinlich darauf bedacht ist, alles zu vermeiden, was Theater normalerweise ausmacht. „Je suis no Selbstverwirklichungsfetischistensau!“ beteuert Wuttke etwa. Oder: „Ich kann die Sprache doch nicht einfach der Wahrheit überlassen!“

Es ist ein kurzer (75 Minuten) und durchaus kurzweiliger Abend; worum es Pollesch genau geht, wird diesmal allerdings weniger klar als in anderen Stücken. Ein Highlight ist die Szene, in der Wuttke die schlechte Pantomime seiner Kollegen am Vibraphon begleitet. Die beste Pointe des Stücks aber hat der als Gast von der Berliner Volksbühne geholte Volker Spengler als Max. „Meine Frau ist zu Hause.“ – „Woher wissen Sie das so genau?“ – „Ich habe ihre Schuhe an!“

Akademietheater, So 19.00


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