Enthusiasmuskolumne

Die Scheiße soll Punk sein, Jens?

Diesmal: Der beste Punk der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 22/10 vom 02.06.2010

Eigentlich sollte die Sängerin gerade in seltsam expliziten Worten den koksenden Klub der Langeweile besingen, als ihr mittendrin der Faden reißt. „Wir ficken auch mal Murmeltiere, wir lecken Arsch vom Braunbärweibchen“, hat sie eben noch zur akustischen Gitarrenbegleitung geflötet, dann aber entnervt abgebrochen und sich an Jens gewandt, den Typen hinter der Studiotrennwand. Was Jens antwortet, hört man nicht, das Geschimpfe der Sängerin aber sehr wohl. „Die Scheiße soll Punk sein?“, keift sie. „Ich sing das nicht!“

Jens heißt mit vollem Namen Jens Rachut, der abgebrochene Song steht am Ende des neuen Albums „Pfingsten“, das er soeben mit seiner Band Kommando Sonne-nmilch veröffentlicht hat. Es ist der beste Schlusssong der Welt der Woche, enthalten auf dem besten Punkalbum der Welt der Woche, gemacht vom besten Punksänger der Welt der Woche.

Jens Rachut ist ein raubeiniger Hamburger, der seinen 50. Geburtstag inzwischen schon hinter sich gelassen hat. Seit einem Vierteljahrhundert haut er mit wechselnden Bands mit Namen wie Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle oder Oma Hans Punkplatten auf zuverlässig hohem bis höchstem Niveau raus. Kommando Sonne-nmilch ist, 1999 gegründet, das bislang dauerhafteste Projekt des Sängers, der auch schon als Theatermime und Hörspielproduzent auffällig wurde („Der Seuchenprinz“).

Rachut ist ein kompromissloser Typ, nicht zuletzt auch in seiner Weigerung, irgendwelche (Deutsch-)Punkklischees zu erfüllen. Seine Texte sind kleine literarische Kunstwerke voll kluger Reflexionen des nicht ganz so optimal verlaufenden Lebens, die er, gänzlich unprätentiös, mit schneidender Stimme rausplärrt. Die zugehörige Musik schätzt prinzipiell die wuchtige Geradlinigkeit, kann aber auch mal nach Reggae oder LoFi-Bastelei schmecken, und die aktuellste Platte ist nicht selten die allerbeste – wie „Pfingsten“ wieder einmal beweist.


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