Fragen Sie Frau Andrea

Sappho, Lesbierinnen, Lesben und Lesbier

Kolumnen | aus FALTER 22/10 vom 02.06.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

vor einigen Tagen las ich die ORF-Teletext-Headline: USA – Lesbierin wird Bischöfin. Was ist eine Lesbierin? Ist das der feine Ausdruck für Lesbe? Macht man eine Lesbierin aus ihr, weil das eleganter klingt? Dann muss es doch auch einen Lesbier geben! Wer ist das und was kann er? Meine Ratlosigkeit ist grenzenlos. Hätte ich einen Hut, würde dieser mir kreisen!

Liebe Grüße, Rainer Jäger,

1130 Wien, per Elektronachricht

Lieber Rainer,

die amerikanische Geistliche Mary Glasspool wurde am 15. Mai bei einer Zeremonie im Bistum Los Angeles tatsächlich zur Bischöfin geweiht. Die bekennende Homosexuelle lebt seit Ende der 80er-Jahre in einer festen Partnerschaft mit einer Frau. Die 56-Jährige ist Mitglied der anglikanischen Episkopalkirche in den USA, einer Gruppe innerhalb der 77 Millionen Mitglieder zählenden anglikanischen Kirche. Den Episkopalen gehören in den USA immerhin 2,1 Millionen Gläubige an.

Frau Bischöfin wurde zwar auf einer Insel (Staten Island) geboren, ist aber im geografischen Sinn keine Lesbierin, bezeichnen wir damit doch vorrangig Bewohnerinnen der ostägäischen Insel Lesbos. Männliche Inselbewohner kennt die Geografie als Lesbier. Die berühmteste Tochter des griechischen Eilands, die Dichterin Sappho, sowohl Lesbierin als auch Lesbierin, besang in ihren Gedichten die Liebe zwischen Frauen und betrieb eine Schule für aristokratische Mädchen.

Bezeichnungen aus der Umgebung Lesbe und Sapphistin tauchen erstmals im Frankreich des 17. Jahrhunderts auf und wurden zum Synonym für die weibliche Homosexualität. In diesem Sinn ist Bischöfin Glasspool also bekennende Lesbierin. Für weiblichen Tribadismus hat sich inzwischen allerdings der runder klingende Ausdruck Lesbe durchgesetzt.

Drei lesbiotische Männer, Lesbier also, zogen 2008 tatsächlich vor Gericht, um den Gebrauch ihres Inselnamens in Zusammenhang mit sexueller Orientierung verbieten zu lassen. Vergeblich.

„Mir kreist der Hut“, das wollen wir abschließend lobend in Erinnerung rufen, wurde von der heterosexuellen Dr. Erika Fuchs, legendäre deutsche Übersetzerin der Abenteuer von Donald Duck, in die Welt gesetzt.


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