Kritik

Kopflos durch die Köpfeparade

Lexikon | aus FALTER 23/10 vom 09.06.2010

Wenn sich das Kunsthistorische Museum aufrafft, eine Ausstellung mit dem Titel„Starke Köpfe“ zu gestalten, dann ist das in etwa so aussagekräftig, wie es eine Schau „Schöne Steine“ im Naturhistorischen wäre. Schließlich zeigt ein riesiger Anteil der Objekte in den mehrere tausend Jahre umfassenden Sammlungen Menschendarstellungen. Bei der aktuellen Präsentation handelt es sich aber auch um keine Großausstellung, sondern um ein „Intermezzo“, mit dem das Haus die unter Direktorin Sabine Haag angekündigte Konzentration auf die eigenen Bestände einlösen will. Wenn also nicht die Massen durch eine Blockbusterschau gepeitscht werden sollen, sondern „Klein & Fein“ regiert, steigt freilich die Erwartungshaltung in Richtung Expertise und Spezialisierung.

Solche Hoffnungen kann man sich aber gleich wieder abschminken. Mit so weiten Themen wie „Repräsentation der Macht“ oder „Präsenz und Lebendigkeit“ überschriebene Ausstellungskapitel lassen quasi infinite Exponatauswahl zu und erschöpfen sich in der Aneinanderreihung besonderer Stücke. Der bildungshungrige Kunstkonsum wird darüber hinaus durch eine ärgerliche Beschriftungsidee erschwert, die die Augen ständig auf einem Infoband auf und ab jagt. Natürlich besitzt das Museum großartige Stücke, von denen etwa die aus der geschlossenen Kunstkammerschon viel zu lange im Depot versteckt waren. Ägyptische Büsten sind hier ebenso zu finden wie antike Münzen, Kameen, Medaillen, Miniaturmalereien und Büsten. Der interessanteste Teil der Schau heißt „Schatten der Endlichkeit“ und umfasst Objekte, die Tod und Vergessen ein Schnippchen schlagen. Die Gesichter, die uns aus Mumienmasken oder -porträts ansehen, fungieren hier als memento mori. nS

Kunsthistorisches Museum, bis 12.9.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige