Neu im Kino

Hat er, oder hat er nicht? „Wolff von Amerongen“

Lexikon | aus FALTER 23/10 vom 09.06.2010

Als „die bemerkenswerteste Entdeckung im jüngeren deutschsprachigen Kino“ rühmte vor drei Jahren die Documenta den ersten Langfilm von Gerhard Benedikt Friedl aus dem Jahr 2004. Dass „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen“ nun fünf Jahre später doch noch einen regulären Kinostart erfährt, mag als verleihtechnisch opportuner Beitrag zur Wirtschaftskrise gelten, kann aber auch als prophetisches Statement des im vergangenen Jahr verstorbenen Filmemachers gesehen werden. Denn „Wolff von Amerongen“, eine einzigartige Chronik deutscher Wirtschaftsgeschichte, ist in mehrfacher Hinsicht eine visionäre Arbeit und einer der wichtigsten österreichischen Dokumentarfilme der letzten Jahre.

„Thyssen lässt von sich drei Büsten anfertigen. Als nach seinem Tod 1926 der Leichenwagen mit Blitz fotografiert wird, gehen die Pferde durch.“ Man fühlt sich an Alexander Kluges „Verdeckte Ermittlungen“ erinnert, wenn Friedl langsame Schwenks über Fabriks- und Fertigungshallen sowie Fahrten durch Städte und Kapitalzentren mit einem Kommentar (Stimme: Matthias Hirth) unterlegt und dabei vom Leben und Wirken der bedeutendsten deutschen Industriellen der Nachkriegszeit er-zählt.

Doch diese Chronik der durchaus skurrilen Ereignisse erklärt keine ökonomischen und politischen Zusammenhänge, sondern schafft einen Raum für freie Assoziationen: Die Erkenntnis, wie hier alles mit allem zusammenhängt, ergibt eine bestechende Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Krise, die endlich „das deutsche Gemüt erreicht hat“ (SZ). Wenn sich Finanz, Politik und Bürger tatsächlich noch nie so weit voneinander entfernt haben wie heute, zeigt „Wolff von Amerongen“ den Grund dafür. MP

Ab Fr im Filmhaus Kino


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