Musiktheater Kritik

Bellinis Schlafwandlerin neu vergagt

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 23/10 vom 09.06.2010

Österreichische Prominenz von Pezibär bis zu Prinz Eugen tummelt sich in der Inszenierung von Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“ durch Tobias Kratzer (Regie) und Rainer Sellmaier (Ausstattung), die beiden Sieger-Scherzbolde des Ring Award 2008. Wie das? Inwieweit ist das von der Originalhandlung in einem Schweizer Gebirgsdorf ableitbar, in der die schlafwandelnde Braut Amina (vorzüglich Anna Siminska) in der Nacht vor ihrer geplanten Hochzeit in die Situation eines (vermeintlichen) Partnerwechsels gerät? Fast gar nicht. Der Gegensatz von Provinz und Promi-Welt ist zwar deutlich im Gesangsstil Bellinis eingeschlossen, eine Übertragung auf die Österreich-Prominenz, ist damit aber noch nicht legitimiert. Der koloraturenreiche Gesangsstil Aminas zeigt eine hochgezüchtete Individualisierung, eine Vor-Rousseau’sche Aristokratisierung des Landmenschen. Dass Amina mit der dumpf verurteilenden Landbevölkerung in Konflikt kommt, ist vorhersehbar. Dass sie im als Sigmund Freud dargestellten Grafen Rodolfo (Luca Dall’ Amico) mehr erkennt als in ihrem hölzern wirkenden Bräutigam Elvino (Paul O’Neill), vielleicht auch. Dass Elvino im zweiten Akt als Kaiser Franz Joseph aus Trotz Aminas Rivalin Lisa (als Kaiserin Sisi Hyon Lee) heiraten will, illustriert sinnfällig den Umstand, dass es beim Adel kaum weniger hölzern zugeht als auf dem Lande. In der Luft hängen bleibt aber der gaghaft schrille Aufmarsch der Promis und die penetrante Gegenwart des österreichischen Staatsadlers. Im geschlossen guten Sängerteam bleibt Paul O’Neill etwas hinter der fantastischen Elastizität Anna Siminskas zurück. Die Französin Ariane Matiakh leitet ein lebendiges Grazer Philharmoniker-Opernorchester und einen weniger präsenten Chor.

Oper Graz, Fr, Do 19.30, So 15.00


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