Fragen Sie Frau Andrea

Gold, Pokal und Gazzingas Spiralen

Kolumnen | aus FALTER 23/10 vom 09.06.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

jetzt geht es also dann los mit dem ganzen Fußballwahnsinn. Tag und Nacht Dauerberieselung mit Fußballnachrichten. Freunde (und manche Freundinnen) im Ausnahmezustand. Es geht um diesen goldenen Pokal. Dabei sieht der doch gar nicht aus wie ein Pokal. Was hat’s mit diesem Siegerpreis?

Liebe Grüße, Tobias Ziegler,

Boboville, per Elektronachricht

Lieber Tobias,

der FIFA WM-Pokal™ ist die meistbegehrte Siegertrophäe der Fußballwelt. Sie wird der Gewinnermannschaft der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer verliehen. Ideengeschichtlich ist das goldene Gefäß für die Sieger ein Echo auf die Beute marodierender Soldaten. In goldenen Schüsseln, Kelchen und Pokalen dürfen wir Beutegut aus Tempeln und Schatzkammern sehen. Der aktuelle Pokal ist die zweite Generation des erlesenen Pokals, die erste war nach dem damaligen FIFA-Präsidenten Jules Rimet benannt, der Becher blieb nach Brasiliens drittem WM-Triumph dauerhaft im Besitz der Seleção. 1983 wurde er in Rio de Janeiro gestohlen und tauchte nie wieder auf.

1971 entwarf der italienische Bildhauer Silvio Gazzinga, Schöpfer von Großplastiken wie dem „Denkmal des gefallenen Motorradfahrers“, für die 74er-Weltmeisterschaft eine flaschengroße Goldstatue. Sie ist aus 18-karätigem Gold gegossen, innen hohl und praktikable 6,175 Kilo leicht (massiv brächte sie etwa 80 Kilo auf die Waage). Gazzinga beschrieb seinen Entwurf bei der Einreichung mit blumigen Worten: „Aus der Basis entspringen Linien, die sich in Spiralen nach oben winden und die ganze Welt aufnehmen. Aus der dynamischen Spannung der kompakten Skulptur sind die Darstellungen zweier Spieler im bewegenden Moment des Sieges herausgearbeitet.“

Nun ja. Die tropfenförmige Trophäe ist an ihrem Fuß von grünen Malachitringen umkränzt und verzeichnet an der Unterseite, spartanisch graviert, die bisherigen Gewinner. Stationiert ist der Originalpokal in Zürich, die Gewinnermannschaften erhalten eine vergoldete Kopie. Der einzige Privatmann auf Erden, der ebenfalls eine Kopie des Pokals besitzt, ist der schwäbische Unternehmer Rolf Deyhle, Schöpfer des FIFA-Logos. Ein anderer Deutscher hatte den Originalpokal 1974 als Erster in WM-Händen: Kaiser Franz Beckenbauer.


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