Kritik

Arturo von der Autobahn: 80 Jahre Otto Schenk

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 24/10 vom 16.06.2010

Der verkrachte Dirigent Karl Meier, Spitzname Arturo (jaja, wie Toscanini), seit Jahrzehnten wohnhaft unter einer Autobahnbrücke, hört Musik nur noch in seinem Kopf. Nun soll er nach dem Tod der großen Operndiva Denezki – seine Göttin und sein Untergang – deren Gedenkkonzert dirigieren. So hat sie es im Testament verfügt. Die Rolle wurde Otto Schenk zum 80. Geburtstag von Klaus Pohl, der auch gleich selbst Regie führt, auf den Leib geschrieben, sagt Pohl. Das ist der schlimmste anzunehmende Fall. So vorhersehbar, so belanglos wie „Einmal noch“ kam schon lange keine Aufführung im Theater in der Josefstadt daher.

Aber während zehn Minuten, gleich nach der Pause, darf Schenk wenigstens einmal alle Register seiner Darstellungskunst ziehen. Da parodiert er Musiker und Sänger, kurzum den ganzen Musikbetrieb mit einer Verve, dass kein Auge trocken bleibt. Dann kehrt er leider wieder in die Routine von Pohls allzu seichter Tragikomödie zurück, ihm zur Seite die ebenso unterforderten Michael Dangl als Sohn Denezki und Therese Lohner als dessen Verlobte Lucy (abstruser Regieeinfall: Kurz wird „Lucy In The Sky With Diamonds“ angespielt). Dem Premierenpublikum freilich war’s egal – Auftrittsapplaus und Standing Ovations für den Jubilar.

Nach der Premiere gab es eine kurze Feier mit Musik (Rudolf Buchbinder), großer Rede von Direktor Herbert Föttinger und Verleihung von Würden der Stadt Wien aus der Hand des Kulturstadtrates. Auch dabei haben wir noch etwas gelernt: Die Stadt vergibt nicht nur Ehrenbürgerschaften, sondern auch den Status „Bürger von Wien“ (§ 6 Stadtverfassung). Eigentlich eine Frechheit, aber skurril genug, dass sich der Geehrte doch freuen konnte: „Da bekommt man etwas, von dem man denkt, man sei es sein Lebtag schon.“ Dazu regnete es 80 rote Rosen.

Theater in der Josefstadt, Di 19.30


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