Kritik

In den Fußstapfen politischer Gewalt

Lexikon | aus FALTER 24/10 vom 16.06.2010

Die politischen sprich nationalistischen und rassistischen Verstrickungen ihres Herkunftslandes Serbien bilden seit den 90er-Jahren ein zentrales Thema für Milica Tomiæ. Mit der Schau „Safety on the road“ setzt sie diese kritische Beschäftigung fort, indem sie nach den ideologischen Wurzeln und den Langzeitfolgen von Völkermord fragt.

In einem Video ist Tomic selbst zu sehen, wie sie mit einem Armeegewehr durch Belgrad geht. Ihr Weg führt sie vorbei an Orten, die für den Partisanenkrieg gegen die Faschisten maßgeblich waren. Begleitend sprechen ältere Männer und Frauen über ihre Involvierung in diesen „Freiheitskampf“. Das hier ausgebreitete Selbstbild erhält freilich vor dem Hintergrund des letzten Kriegs Serbiens eine zwiespältige Note, denn auch da wurde im Namen nationaler Interessen argumentiert. Mit dem saloppen öffentlichen Tragen eines Gewehrs, gegen das niemand etwas einzuwenden hat, treibt die Künstlerin die Rede von der Selbstverteidigung auf die Spitze. Die wiederholte Äußerung „Ich würde das Gleiche heute wieder tun“ verleiht der Arbeit eine pessimistische Note.

Die Installation „Toward the Matheme of Genocide“ im Hauptraum wird von Texttafeln dominiert wird. Diagramme spielen aber auf die forensische Arbeit an, bei der heute noch in Ex-Jugoslawien in Massengräbern Identitätsmerkmale der Getöteten mittels DNA-Test gesucht werden. Auf den ersten Blick schwer verständlich, will Tomic hier die „Re-Ethnisierung der Leichenteile“ kritisieren, die den Zyklus der Schuldzuschreibung verlängert. Der Künstlerin geht es auch um eine Reflexion der eigenen Mittel, um das Problem, wie politische Kunst die Fallen der Repräsentation umschiffen kann. Spannende Fragen, aber die Wahl von Texttafeln wirkt wie eine hilflose Antwort auf diese Dilemmata. nS

Charim Galerie, bis 3.7.


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