Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die beste Tanzvolksgruppe der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 24/10 vom 16.06.2010

Der Flame hat den Bogen raus!

Was die Völkerfreundschaft anbelangt, bin ich ein recht anhängliches Kerlchen: Bei der Fußball-WM werde ich wie immer, wenn sie dabei sind, für Eng- und Holland die Daumen drücken und die entsprechenden T-Shirts hoffentlich nicht schon im Achtelfinale verräumen müssen.

Zu den biertrinkenden Völkerschaften, die einen Fixplatz in meinem Herzen haben, gesellte sich zuletzt aber auch noch der Flame hinzu. Das hat natürlich nichts mit dem Ergebnis der belgischen Parlamentswahlen vom vergangenen Wochenende zu tun, im Gegenteil: Der Flame, den ich meine, der sogenannte Tanzflame, ist vermutlich so ziemlich das exakte Gegenteil vom wallonophoben Separatisten, der nun wieder mal sein schmutziges Haupt erhoben hat.

Sieht man von Fred Astaire, Gene Kelly und Groucho Marx ab, bin ich nicht besonders tanzaffin und habe modernes Tanztheater bislang für die kinetische Entsprechung von Aperol Spritz gehalten. Aber dann hat Wolfgang Kralicek so schön über Jan Lauwers und die Needcompany geschrieben, dass ich mir dachte: Na gut, schau ich mir das halt einmal an. Und siehe da: „Isabella’s Room“ erwies sich als eines der lässigsten und beglückendsten Stücke, die ich je gesehen habe.

Weil ich funktioniere wie eine Laborratte (Tanz + Flame = superlecker), habe ich mir bei den Festwochen nun „Out of Context“ von Alain Platel angesehen. Ward je ein dermaßen erhebender und eleganter, zugleich virtuoser und vollkommen unprätentiöser, zum Schreien komischer und zum Weinen berührender Abend über – ja was eigentlich? – sagen wir: unser aller Begehren gestaltet? Ich glaube kaum. Und deswegen bin ich natürlich wieder dabei, wenn der Tanzflame dieser Tage noch einmal Station in Wien macht. Danach kann ich endlich sagen: Ich hab schon mal eine flämische Tanztheatertrilogie gesehen. Hätt ich mir auch nie träumen lassen!

„The Deer House“ (Needcompany, Jan Lauwers): 18. bis 20.6., Akademietheater


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