Selbstversuch

Ich lehne das eigentlich aus Prinzip ab

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 24/10 vom 16.06.2010

Ich befinde mich augenblicklich in einer der belastendsten Situationen zwischen Eltern und Kind: Wir machen Hausaufgaben. Das eine Mimi muss etwas schreiben, das andere Mimi muss etwas rechnen. Die Mutter muss ebenfalls schreiben, was sie momentan eigentlich ununterbrochen immer muss, wird aber alle vier bis sechs Buchstaben von einem Kind unterbrochen, das erklärt, dass es das, was es eben macht, nicht will und nicht kann. Und vom Prinzip her ablehnt. Und dass das ein totaler Scheiß ist. Und warum es überhaupt in die geschissene Schule gehen muss.

Es ist Sonntagabend. Alle sind komplett kaputt vom Wochenende. Draußen schüttet (sieben mal fünf? das ist doch wohl nicht schwer!!!) es aus Kübeln auf die (ja, Dienstag, schreibt man mit langem i) Reste von dem Baum, der gestern (nein, sechs mal fünf ist nicht 40, du kannst wirklich am Ende der zweiten Klasse noch nicht einmal die Fünferreihe?) vom Sturm umgerissen wurde und den (ja, ich weiß, dass du nicht Tina bist, aber trotzdem sollst du hier im Namen von Tina diesen Florian einladen, schreib es einfach hin. BITTE!) der Lange und (doch! Trotzdem!!!) ich heute (ist mir wurscht, ob du den Florian leiden kannst oder nicht, schreib das jetzt, kruzitürken!) zusammengeschnitten und aufgestapelt (okay: Was ist ein mal drei, ja, zwei mal drei, ja, drei mal drei, ja, und was ist dann vier mal drei? Geeeeenau) haben, während ich gleichzeitig zwei andere Sachen schreiben und (vielleicht? mit v) ein (und zwei ll, ja) Buch fertig machen sollte und die Wäsche aufhängen und die Mails beantworten (nein, ich weiß nicht, wo dein Radiergummi ist) und das vom Sturm (und nein, ich such dir auch keinen, du bist acht Jahre alt und suchst selber) zerstörte Fenster aushängen und durch irgendwas ersetzen, das eine Woche dichthält. Was ich also sagen will (Dienstag? nein, Dienstag schreibt man nicht mit zwei n, aber kümmerst du dich bitte um deine Dreierreihe!), ist, dass ich (entschuldige, aber das kann kein Mensch lesen, diese drei Wörter musst du noch mal schreiben) müde bin. Sehr müde. (Und ja, Kind, ich muss so oft vor dem Computer sitzen und schreiben, davon leben wir, und ja, gut, ihr seid fertig.) Elementar müde.

Die Tage entgleiten mir, die Termine auch. Ich habe das Mittagessen mit der B. vergessen, hab’s bislang verpennt, mich in die Liste mit den Zeugnisgesprächsterminen einzutragen, ich habe nicht den Installateur angerufen, nicht das Frl. Friseuse wegen dringlichen Termins und nicht meinen netten Berater von der Bank. Phh...

Sedlacek kritisiert auch schon, dass ich nicht mehr weiter sehe als bis zu meinem Gartentor. Stimmt eh! Erschöpfungsbedingte Sehschwäche, vor Juli unheilbar. Aber apropos, Sedlacek, noch eine Frage zur Grill-Spießer-Debatte. Wenn ich auf meinem Kugelgrill nach einem Rezept aus dem Witzigmann-Grillbuch verfahre: spießig oder nicht? Aha.


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