Kommentar

Wie weit wird Wien mit dem Weiterdenken gehen wollen?

Kulturpolitik

Falter & Meinung | Klaus Nüchtern | aus FALTER 25/10 vom 23.06.2010

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“, heißt es in der berühmtesten von Karl Marx’ „Thesen über Feuerbach“. „Die Welt hat sich verändert, es kömmt drauf an, sie neu zu interpretieren“, lautet, sinngemäß, das Credo von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, woraufhin er einen Nachdenkzirkel installierte. Dessen unter dem Motto „Wien denkt weiter“ gesammelte Ergebnisse wurden vergangene Woche auch im Rahmen eines Kongresses diskutiert, an dem rund 200 Interessierte teilnahmen.

Zwischen Podiumsgespräch, Panel und Positionspapierpräsentation wurden die Greatest Hits an Grundsatzfragen (Qualität, Gerechtigkeit, Vermittlung, Innovation …) diskutiert, und Pop-Professor Diederich Diedrichsen brachte die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis auf den Punkt: „Je genauer man Ziele definiert, umso mehr kommt man drauf, dass sie nicht kompatibel sind.“

Was nicht so ohne weiteres oder gar nicht zusammengeht, wurde immerhin angerissen: ästhetische Innovation und soziale Absicherung, Avanciertheit und Niederschwelligkeit, Kultur als Zone außerhalb des Marktes und als Standortfaktor …

Bevor der Weiterdenktank zu einer reinen Pensée-pour-pensée-Veranstaltung ausartet (schon hat der Kulturstadtrat Folgekongresse mindestens im Jahrestakt angekündigt), wird man jenseits der beliebten Kulturalisierung von allem und jedem aber einmal feststellen müssen, wofür Kulturpolitik überhaupt (nicht) zuständig ist. Und man sollte sich dann auch dazu durchringen, etwas wollen zu wollen. Wenn Wien Wien bleibt („gehd scho, passd scho“), braucht auch niemand weiterzudenken.


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