Am Apparat

Ist die Jugend wirklich brutaler geworden, Herr Gerstberger?

Telefonkolumne

Politik | aus FALTER 25/10 vom 23.06.2010

Laut Statistik sinkt die Jugendkriminalität. Trotzdem warnt Norbert Gerstberger, Jugendrichter am Wiener Landesgericht, in einem Interview mit dem Kurier vor steigender Jugendgewalt. Wer hat nun Recht: die Statistik oder der Richter?

Warum sprechen Sie von mehr „unmotivierter Gewalt“ unter Jugendlichen?

Das ist der Eindruck von uns Richtern. Uns kommen vermehrt Fälle unter, in denen ohne nachvollziehbaren Grund Gewalt ausgeübt wird. Jemand schaut blöd und schon schlagen die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu. Was uns außerdem auffällt, ist eine extreme Gewaltausübung. Auch die steigt.

Das zeigt Ihre Erfahrung als Richter?

So ist es, das ist nur ein punktueller Eindruck aus einer Gerichtsabteilung. Es wäre aber interessant, das kriminologisch besser zu untersuchen.

Laut Statistik sinkt die Jugendkriminalität. Widerspricht sich das nicht?

Dieser Rückgang ist unbestritten und darüber sind wir auch froh. Nur die weniger gewordenen Straftaten fallen teils durch größere Brutalität auf.

Was verstehen Sie darunter?

Wenn auf Menschen, die bereits am Boden liegen, mit den Füßen gegen den Kopf getreten wird, ist das für mich extreme Brutalität. Das kommt mir zum Beispiel in meinen Verhandlungen immer häufiger unter. Früher war dieses Phänomen nicht so stark zu beobachten.

Haben Sie eine Erklärung, warum die Gewalt steigt?

Da gibt es verschiedene Theorien, etwa der Einfluss brutaler Videos oder Computerspiele. Vor 20 Jahren hat man über das Fernsehen gejammert, das die Kinder rabiat macht, jetzt sind es die Computerspiele. Das hat sicher einen Einfluss. Was man auch nicht vergessen darf: Wir leben in einer Zeit, in der die Jugendarbeitslosigkeit stark steigt. Wenn junge Menschen keine Ausbildung haben, keinen Job finden und frustriert ins Leben starten, darf man sich über solche Phänomene nicht wundern.

Interview: Ingrid Brodnig


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