Holenders letzte Premiere: Claus Guth und Franz Welser-Möst legen „Tannhäuser“ auf die Couch

Feuilleton | Andreas Dallinger | aus FALTER 25/10 vom 23.06.2010

Mit den ersten Bläsertönen verbreitet sich eine intellektuelle Schwermut. „Tannhäuser“, die letzte Premiere der Ära Holender, bricht auf zur melancholischen Analyse. Regisseur Claus Guth nimmt die Werkbezeichnung „romantische Oper“ ernst und legt den Romantiker auf die Couch.

Eingeklemmt zwischen Es und Über-Ich projiziert Tannhäuser sein Ich in Liebes- und Lebensskizzen, die ihm gleichermaßen verlockend wie schrecklich, in letzter Konsequenz unlebbar erscheinen. Weil die Gebotstafeln des Über-Ich ausweglos die Anpassung an doppelmoralische Gesellschaftsusancen fordern, bleibt er ein ewiger Wanderer. Wolfram von Eschenbach, Tannhäusers kleinmütiger Seelenverwandter, passt sich schlotternd an und versinkt. Immer in ängstlicher Distanz zum eigenen Begehren, sich vor Autoritäten duckend, anfällig für Eiferertum, wirft er sich dem Tod in die Arme.

In Wien um 1900 findet Guth den neurotisch gesättigten Humus, auf dem die beiden Spielarten der schwärmerischen Lebensuntüchtigkeit


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