Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 25/10 vom 23.06.2010

Ein gutes Gewissen ist ein ständiges Weihnachten!

So wie das Grazer Grandhotel Wiesler sollten auch wir uns eine radikale Infragestellung dessen gönnen, was heutzutage noch Luxus ist. Sind nicht der mit dem eigenen Notstand bezahlte Schinkenkäsetoast, die Riesenschnitzelsemmel, das Regal Billy, der Blick auf den Innenhof, der Steirerkaskrapfen, der Automatenkaffee, die Schaumstoffmatratze dem Armen sein Königreich? Die überraschende Antwort lautet: nein, leider gar nicht. Der Steirerkaskrapfen, um aus Platzgründen nur ein Beispiel herauszunehmen, ist eine zu Recht völlig unterschätzte regionale Spezialität, die billig, unaufwendig und alles andere als köstlich ist, so rau und geschmacklos wie ein Aquarell in einer Autobahnraststätte in der Obersteiermark. In der Nähe dieser Autobahnraststätte fanden zwei Forstarbeiter vergangene Woche ein Plastiksackerl mit 60.000 Euro in Scheinen. Sofort schaltete sich die Kripo ein, die sich nicht vorstellen kann, dass jemand hier einfach nur sein Erspartes dem knorrigen Wurzelwerk lieber anvertraut als den Banken. Die Summe selbst ist ja relativ lächerlich, Branko Boskovic etwa arbeitet dafür einen Monat lang, schwedische Luxusbetten (mit 25 Jahren Garantie) kosten diesen Betrag oder auch ein Hochzeitsessen für schwedische Königsfreunde. Das alles mag den beiden Forstarbeitern durch den Kopf gegangen sein, während sie sich kurz überlegten, die Beute zu teilen und einfach weiter ihrem Tagwerk nachzugehen. Selber schuld.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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