Selbstversuch

Das hat Shakespeare nun mal nicht drauf


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 25/10 vom 23.06.2010

Hans Hurch hat ausdrücklich gesagt, ich darf schreiben, dass es sein Geld war, das am Donnerstag im Jelinek-Stück verbrannt wurde. Es ist ihm, hat er gesagt, wurscht, ob ich das schreibe, also schreibe ich es: Es war Hans Hurchs Hunderter, der während der Premiere der „Kontrakte des Kaufmanns“ in Flammen aufging, und es war auch sein Hunderter, der danach zerrissen wurde (den bekam er allerdings hinterher wieder, zum Restaurieren). Hurch hat die Geldverbrennung lässig genommen, er betrachtet das als Opfer, ist jetzt egal, wofür, im Publikum allerdings war Beklommenheit spürbar. Ist das echtes Geld, das die da verbrennen? Und war das abgesprochen vorher, mit dem im Publikum, der das Geld hergegeben hat? Und kriegt der das Geld nachher wieder?

Das ist aus zweierlei Gründen putzig, weil es erstens in Elfriede Jelineks fantastischem Text 99 Seiten lang um nichts anderes als um Geld und seine Vernichtung geht und die daraus resultierende Vernichtung derer, die es einst besaßen.

Und weil ja zweitens jeden Abend auf so gut wie jeder Theaterbühne Geld schüppelweise verbrannt wird, mein, dein, unser Steuergeld nämlich, das Theater sei, hätte (und, äh, habe) ich noch letzte Woche behauptet und nach der Verabreichung schon kleinerer Dosen Alkohol gerne auch gebrüllt, im Großen und Ganzen und bis auf ein paar winzige Ausnahmen eine einzige riesige Geldverbrennungsmaschine, die vor allem denen Freude bereitet, die sie bedienen und die von ihr leben, Schauspieler, Regisseurinnen, Bühnenbildner, Feuilletonisten, bla bla bla; mein alter Sermon eben, für den ich jetzt ungefähr schon sechs Mal Zeilengeld kassiert habe, ich weiß eh.

Anna, bekanntlich überaus theateraffin, hat den Sermon jedenfalls nicht mehr ertragen und hat deshalb zum entscheidenden Schlag ausgeholt und mich zu den „Kontrakten“ mitgenommen. Das schaust du dir noch an, hat Anna, die das schon kannte, gesagt, wenn dir das auch nicht passt, dann lassmas für immer. Gut, habe ich mir das noch angeschaut. Und ehrlich gesagt, ich hätte nach den 99 Seiten, nach fast viereinhalb Stunden liturgischem Furioso, noch länger schauen können. Weil dieses Theater mir etwas über das Hier und das Jetzt erzählt, in Hier-und-Jetzt-Bildern und in Jelineks Hier-und-Jetzt-Worten, und das haben, sorry, Shakespeare und Goethe einfach nicht drauf.

Und weil man mir gestattete, ja, mich aufforderte, zwischendurch den Saal zu verlassen und mein Getränk von der Bar mit in den Saal zu nehmen, und das entspricht nun mal meiner Herkunftskultur sowie meinem Sitzvermögen. Hinterher, als ich Regisseur Nicolas Stemann kennenlernte, wurde mir dann auch klar, warum das alles so war, wie es war: weil der eben auch von dort kommt, jedenfalls von dort in der Nähe. Und weil der ein Genie ist. Lassts mich mit Shakespeare und Goethe anglahnt, schreibts mir so etwas, spielts es mir so, dann liebe ich das Theater.


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