Neu im Kino

Abschiede, ein Leben lang: „The Dust of Time“

Lexikon | aus FALTER 26/10 vom 30.06.2010

Nothing ever ends, sagt Willem Dafoe, der im Film einen Filmregisseur in der Krise spielt, ganz am Anfang als Erzähler aus dem Off. Nichts endet jemals: Das könnte als Motto auch über dem Œuvre von Theo Angelopoulos stehen, dem großen, heuer 75 Jahre alt gewordenen Mann des griechischen Kinos, dessen meist weit in die Geschichte zurückgreifende, Vergangenheit und Gegenwart miteinander verflechtende Filme man ebenso gut als Zeitskulpturen bezeichnen darf.

„The Dust of Time“ zeichnet die Lebenslinien dreier Menschen nach: Eleni, Jacob und Spyros. Liebe hat sie verbunden, Politik sie getrennt. Beides über Landesgrenzen (Deutschland, Kasachstan, Sibirien, Griechenland) und Jahrzehnte (von Stalins Tod bis zum Fall der Mauer) hinweg. Kurz vor der Silvesternacht des Jahres 1999 kommen sie in Berlin ein letztes Mal zusammen. Ebenda kulminiert auch das Schicksal von Elenis und Spyros namenlosem Sohn, besagten Filmemachers – der vor den Trümmern seiner eigenen Familie und vermutlich auch seines Werks steht. Ein schwieriger, rätselhafter, sperriger Film. Dabei, wie jedes Werk von Angelopoulos, ein Film voll grandioser, leergeräumter Bilder, die aussehen, als wären sie vor einem Theaterprospekt aufgenommen worden: die Elektrische im Schnee, das Arrangement verwüsteter Fernsehgeräte in der Lobby eines Hotels – und schließlich noch die Szene, in der die drei Alten, endlich wieder vereint, Arm in Arm durch das Brandenburger Tor schreiten.

Bei aller Kunstfertigkeit, in die Angelopoulos seine Geschichte kleidet, zielt sein Film doch ganz direkt auf das Herz der Zuschauer: Er zeigt Abschiede, ein Leben lang. So gesehen ist „The Dust of Time“ auch wieder sehr einfach und dem vorgeschobenen Off-Erzähler in keiner Weise zu trauen. Alles endet. MO

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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