Neu im Kino

Gewalt und Leidenschaft: „Sin Nombre“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 26/10 vom 30.06.2010

Dreizehn Sekunden dauert die Aufnahmeprüfung bei der Mara Salvatrucha. Genauso lange wird auch ein zwölfjähriger Junge von den übrigen Mitgliedern verprügelt. Dann ist er in jener Bande aufgenommen, die ihren Terror weit über die Grenzen Mexikos hinausträgt, und „Sin Nombre“ von Cary Joji Fukunaga kann erst so richtig beginnen.

Doch nicht das gemeine Wesen der Mara bestimmt in der Folge den Film, sondern zwei sich aufeinander zu bewegende Erzählstränge: Da gibt es den sanftmütigen Casper (Edgar Flores), der nicht so recht zum martialischen Erscheinungsbild der Recken mit den furchterregenden Tattoos passt und nach einer dramaturgischen Unwägbarkeit als Vogelfreier vor den Kollegen in den Norden flüchtet. Und da ist die junge Sayra (Paulina Gaitan), die auf einem der überfüllten Güterzüge aus Honduras kommend illegal in die Vereinigten Staaten will – quer durch mexikanisches Mara-Gebiet. Irgendwann sind die beiden gemeinsam auf der Flucht.

Im Gegensatz zu spekulativen, schicken Arbeiten zum Thema wie „City of God“ oder „Tropa de Elite“ bemüht sich Fukunaga vor allem als Autor, seinen Protagonisten so etwas wie einen Charakter zukommen zu lassen, um ihre Reise mit einer inneren Entwicklung in Einklang zu bringen. Ganz im Gegensatz zu den Nebenfiguren, wie dem böse gepeckten Anführer Lil’Mago, der mit Baby im Arm Mordaufträge erteilt.

Natürlich endet „Sin Nombre“, der sich nicht entscheiden will, ob er Latino-Western, Thriller oder farbenprächtiges Flüchtlingsdrama sein will, an der Grenze zum gelobten Land. Dort fällt dann wenigstens Caspers und Sayras Entscheidung, auch wenn sie von einem zwölfjährigen, verprügelten Jungen gefällt wird.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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