Fragen Sie Frau Andrea

Nebochants Begräbnis. Sofort verhaften!

Kolumnen | aus FALTER 26/10 vom 30.06.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

glauben Sie, dass ich etwas versäumt habe, indem ich nicht zu Dichands Begräbnis gegangen bin?

Gerhard Edlinger, Radmer, Steiermark, per Elektropost

Lieber Gerhard,

für einen Abschied von Hans Dichand hätten Sie am 25. Juni 2010 sehr früh aufstehen müssen. Vier Uhr wäre gerade noch rechtzeitig gewesen, um aus den Federn zu hüpfen und gekampelt und geschneuzt die 217 Auto-Kilometer vom obersteirischen Radmer bis zum Grinzinger Friedhof zurückzulegen. Hätten Sie nicht die südliche Route über die 115er, die S 6 und die A 6 genommen, sondern die nördliche über die Erlauftal-Bundesstraße, die B 39 und die Westautobahn, hätten Sie den bereiften Untersatz sogar zehn Minuten früher besteigen müssen. Kurz vor 7.30 Uhr am Grinzinger Friedhof angekommen, hätten Sie den Körperwächtern und den etwa 50 anwesenden Familienangehörigen und Freunden des begnadeten Blattmachers glaubhaft machen müssen, kein Außenstehender zu sein. Spekulationen über einen Erfolg dieses doch sehr intimen Begehrs möchte ich keine anstrengen. Welche Versäumnisse Ihr Nichterscheinen mit sich bringt, kann ich aufgrund der schütteren Nachrichtenlage – beim Begräbnis herrschte Journalismusverbot – nicht sagen. Wir wollen also die Kunst zurate ziehen. In seinem 2008 erschienenen Roman „Sofort verhaften!“ schildert Stephan Eibel Erzberg das Begräbnis eines Zeitungszaren namens Nebochant. In einer bitterblumigen Szene beschreibt er, wie „Proletenleser, Deppenleser und Funsenleserinnen“ aus Zorn über den zynischen Inhalt von Nebochants geheimem Demagogiebuch das Erste-Klasse-Begräbnis stürmen und sich, zum Entsetzen der Trauergäste – unter ihnen der Sonntagskolumnist Kardinal Aufrecht – auf dem Grab ihrer Körperflüssigkeiten entledigen. Es kommt zu Aufweichungen des Funeralsitus, in deren Folge noble Trauergäste in die Grube stürzen. Unter ihnen der Kardinal samt Bischofsstab, ein Ex-Bundeskanzler namens „Ehrlich“ sowie der Ex-Innenminister „Wägerl“. Weitere Unaussprechlichkeiten der „Proleten, Deppen und Funsen“ finden statt, es entsteht ein „echter Gupf, aus dem eine Blockflöte herausschaut“. Vorgänge dieser literarischen Qualität sind vom Grinzinger Friedhof nicht bekannt geworden.


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