Kommentar

Julie, der Brief vom Jugendamt und die verwunderten Eltern

Verpflichtendes Vorschuljahr

Falter & Meinung | Gerhard Stöger | aus FALTER 27/10 vom 07.07.2010

Julie hat sich gefreut. Wie immer, wenn sie Post bekommt. Ihre Erziehungsberechtigten wunderten sich dagegen, als sie im Jänner von der MA 11, dem Amt für Jugend und Familie, aufgefordert wurden, die Tochter für einen Kinderbetreuungsplatz anzumelden. Des verpflichtenden Kindergartenjahrs für Fünfjährige wegen, das im September in Kraft tritt.

Ende Juni kam der Brief erneut, mit schärferem Tonfall: „Bitte melden Sie Ihr Kind unverzüglich für einen Betreuungsplatz an“, stand da, und Julies Eltern wunderten sich noch mehr. Schließlich besucht ihr Kind – Julie wird im September sechs Jahre alt – längst eine elternverwaltete Kindergruppe. Seit Sommer 2009 ist sie durch die Einführung des Gratiskindergartens auch in der Wiener Kindergartendatenbank erfasst; ab Herbst wird sie die Schule besuchen.

Die freundliche Mitarbeiterin der MA 11, die Julies Vater nach 20 Minuten in der Telefonwarteschleife erreichte, verstand diese Irritation. Und entschuldigte sich: Dem Amt sei ein Datenbankfehler unterlaufen, mehrere tausend Eltern seien fälschlicherweise angeschrieben worden.

Das ist eine blöde Geschichte, weiters aber nicht schlimm. Ungleich problematischer ist etwas ganz anderes: Das verpflichtende Kindergartenjahr ist eine gute und wichtige bildungspolitische Maßnahme, die sich nicht zuletzt an Kinder mit Migrationshintergrund richtet.

Der Informationsbrief über die Kindergartenpflicht war aber ausschließlich auf Deutsch verfasst. Und landet nicht selten ungelesen und unverstanden im Müll, wie selbst die MA-11-Mitarbeiterin befürchtet. Beim Schmieden ihrer bildungspolitischen Nägel hat die Stadt also offenbar auf die Köpfe vergessen. Schade drum.


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