Selbstversuch

Ich bin nicht immer so, ehrlich

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 27/10 vom 07.07.2010

Meine Geduld wurde ... nein, falsch. Ich, ich als Gesamtheit wurde und bin arg strapaziert, so strapaziert, dass ich kürzlich mein Kind (nachdem ich es in kindgerechten, aber aufrichtigen Worten über meinen derzeitigen Nervenstatus aufgeklärt hatte) bat, doch bitte endlich einmal einfach nur die Klappe zu halten. Wir waren zum Erdbeerfeld gefahren, das Kind und ich, und ich hatte dem Kind erklärt, dass ich viel gearbeitet hatte dieses Jahr und immer noch viel zu arbeiten und zu denken habe, und dass ich manchmal einfach etwas Ruhe brauche, Unbequatschtheit, Stille, Nichts. Das Kind nickte verständnisvoll und sprach ungefähr dreißig Sekunden kein Wort, dann erklärte es mir, wie viel Verständnis es für seine Mutter hat, doch, sehr viel Verständnis, es versteht sehr gut, dass auch eine Mutter einmal eine Ruhe braucht. Oben, beim Erdbeerfeld, entschloss ich mich, die teureren, aber dafür schon fixfertig gepflückten Erdbeeren zu kaufen, denn die Vorstellung, zwei Stunden lang gebückt in der brüllenden Sonne Erdbeeren zu pflücken, während das Kind ohne Unterlass Verständnis zeigt, verursachte mir plötzlich eine furchtbare Depression.

Zudem hatte mein Steuerberater und Nachbar, als er davon hörte, dass wir zum Erdbeerfeld fahren, gemeint, ob ich ihm nicht bitte auch ein Kistl oder zwei mitpflücken könne, er komme leider derzeit gar nicht dazu. Aber klar doch, weil ich habe ja sonst nichts um die Ohren, ich muss ja nur neben der normalen Erwerbskolumniererei einen Roman fertigschreiben und zwei Haushalte ...

Aber ich will nicht jammern. Nein, ich will dankbar sein. Es geht mir gut. Alles ist gut so. Mit weniger wär mir fad, doch, und das Kind quakt auch nicht immer so viel, sondern nur bei Vollmond. Und ich bin nicht immer so weinerlich und selbstmitleidig, sondern nur und ausschließlich Ende Juni, wenn noch schnell vor den Schulferien alles fertigzumachen und abschlusszufeiern und vorzuschreiben ist, wie zum Beispiel diese Kolumne und noch zwei Kolumnen, und, Himmel, das auch noch. Aber es wird alles gut. Alles ist gut.

Nur eben im Moment bin ich strapaziert, und nicht nur das plappernde Kind bringt mich zur Explosion. Auch das Kind, das im Plastiksandalenladen mit angefressenster Miene 70 Paar Plastiksandalen probiert, von denen (nachdem es die Mutter wochenlang gequält hatte wegen des Plastiksandalenladens und wann man jetzt denn endlich dort hingehe, so wie schon seit Wochen versprochen) keines nur irgend konveniert. Nach zwanzig Minuten im Plastiksandalenladen kauft sich die Mutter aus lauter Verzweiflung und gegen ihre ureigenste Überzeugung, dass Erwachsene wegen Würdelosigkeit keine Plastiksandalen tragen sollen, ein paar grüne Gartenschlapfen, ganz typisch in die Konsumismus-als-Trost-Falle getappt. Das Kind entschied sich schließlich für überteuerte Flipflops. Dafür bin ich ... egal. Hurra.


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