Fragen Sie Frau Andrea

Der Sieg der Leute von der Kant

Kolumnen | aus FALTER 27/10 vom 07.07.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

vergangenen Samstag hat Deutschland Argentinien betoniert. Auch wenn das jetzt vielleicht ein ziemlicher Fußball-Overkill sein sollte, brennt mir eine Frage unter den Nägeln: Dieses Match wurde nämlich von den Kommentatoren, wie auch (glaube ich zumindest) schon das Match Portugal gegen Nordkorea, als Kantersieg bezeichnet. Okay, okay, Kantersieg. Aber bitte was ist das genau, ein Kantersieg?

Michou Bacher, Neubau, per Elektro-Post

Liebe Michou,

dass eine Fußballmannschaft gegen eine andere mit einem fabulösen Torreigen gewinnt, kommt gelegentlich vor. Wenn dies aber mit großer Leichtigkeit passiert, wie etwa bei dem legendären 9:0-Sieg Spaniens gegen Österreich (das letzte Länderspiel übrigens unter Trainerfels Herbert Prohaska), spricht man von einem Kantersieg.

Dieser Ausdruck hat trotz der Größe des Erfolgs überraschenderweise mehr mit der Mühelosigkeit zu tun, mit dem dieser erzielt wurde. Der Kantersieg kommt ursprünglich aus dem Pferdesport und bedeutete dort einen besonders leichtgefallenen, im lockeren Galopp erzielten Sieg.

Kanter selbst kommt vom englischen canter gallop, kurz canter. Dieses wiederum leitet sich ab von der südenglischen Stadt Canterbury und nimmt Bezug auf das gemächliche Reisetempo der Pilger, die auf dem Pferd dorthin unterwegs waren zum Sarg des heiligen Thomas Becket, des 1170 ermordeten Erzbischofs von Canterbury.

Canterbury (im Deutschen mitunter auch Kanterburg genannt) hat seinen Namen vom altenglischen Cantwaraburig und bedeutete so viel wie die Burg der Leute von Kent. Ähnlich wie die Bezeichnung der nordspanischen Atlantikprovinz Cantabria kommt der Name der südenglischen, an Kanal und Nordsee gelegenen Grafschaft Kent aus dem Protoindoeuropäischen. Über Vermittlung durch das Lateinische und/oder das Keltische soll es von einem Wort *kanthos stammen, das vermutlich Kante, im Sinne von Kantenland oder Wasserkante, bedeutete.

Im Norddeutschen ist diese Etymologie noch in Waterkant erhalten geblieben, dem Ufer oder Land am Wasser, umgangssprachlich dem Gebiet an der Küste.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige