Kritik

Frischer Fake aus „Postblack“-Harlem

Lexikon | aus FALTER 28/10 vom 14.07.2010

Handelt es sich bei Donelle Woolford um eine Neuentdeckung der Galerie Janda? Wer zur Vernissage kam, traf eine junge afroamerikanische Künstlerin, deren Objektbilder aus Holzstücken entfernt an den Kubismus denken lassen. In Wahrheit handelt es sich um eine Kunstfigur des US-Künstlers John Scanlan, ein Fake, das aber bereits eine ganze Latte Ausstellungen verbuchen kann.

Während Pseudonyme in der Literatur an der Tagesordnung sind, zählen solche Doppelexistenzen in der bildenden Kunst eher zur Seltenheit. Marcel Duchamp legte selbst Rouge und Lippenstift auf, um 1921 für Fotoporträts von „Rrose Selavy“ zu posieren. Aber wie ist es einzuschätzen, wenn ein 50-jähriger weißer Künstler und Princeton-Professor sich ein zweites Standbein mit den Attributen einer Minderheit aufbaut? Dabei arbeitet Scanlan nicht einmal mit einer fixen Schauspielerin zusammen, sondern heuert für jeden Auftritt eine Frau an, die der auf der Woolford-Homepage publizierten Künstlerinnenbiografie entspricht. Laut Scanlan sei aber trotzdem so manchem polyglotten Vernissagenbesucher entgangen, dass es sich nicht um die gleiche Frau handelt, die er bereits in Paris oder London getroffen hat.

Will Scanlan Rassismus in der Kunstwelt aufzeigen? Für zusätzliche Verwirrung sorgt, dass Woolford nicht einmal eine originäre Handschrift besitzt, sondern ihre Arbeiten denen von Scanlan ähneln. Nur die Begleitinfo sieht anders aus: Die „Wite Trash“ betitelte Schau soll sich auch auf schmerzliche Erlebnisse in der Biografie der Künstlerin, die in den Südstaaten aufwuchs, beziehen. Insgesamt dürfte Scanlans zynisch wirkender Schmäh für die politisch so korrekten USA gedacht sein, wo etwa Debatten über „postblack artists“ geführt werden, die jeglichen Einfluss von Rasse auf ihr Werk verneinen. NS

Galerie Martin Janda, bis 31.7.


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