Kunst Kritik

Vom Dokument zur docu-fiction

Steiermark | aus FALTER 28/10 vom 14.07.2010

In der letzten Ausstellung, die sie als Leiterin von Camera Austria kuratiert, zeigt Christine Frisinghelli zwei Positionen fotografischer Wirklichkeitsaneignung, die ein Programm zu resümieren scheinen, das sich über 35 Jahre denkbar kritisch mit den Abbildungsmöglichkeiten des Mediums Fotografie auseinandergesetzt hat und bald von Reinhard Braun und Maren Lübbke-Tidow fortgesetzt werden will. Die beiden dazu eingeladenen Künstler nutzen die Fotografie zu gesellschaftspolitisch motivierten Recherchen und als Archiv und Grundlage für Rekonstruktionen, die das Dokumentarische auf eine ästhetisch und poetisch verwertbare Ebene heben. Iosif Király baut die Schnappschüsse, die er von seinen Streifzügen durch ein im Umbruch befindliches Rumänien nach Hause bringt, zu Panoramen zusammen. Von sichtbaren Brüchen durchsetzt, stellen sie Schichtungen unterschiedlicher Perspektiven und Standpunkte, Orte und Zeiten her, liefern dabei auch ein psychologisches Abbild des Betrachtens und Erinnerns. So ergeben sich Sinn und Inhalt dieser Bilder nicht einfach aus einer scheinbar unvermittelten Beziehung zwischen Apparat und Motiv, sondern als Verflechtungen anfänglich disparater Wirklichkeitsfragmente. Ähnlich, nur als Aufeinanderfolge von Elementen, funktioniert das Künstlerbuch, das Christian Wachter 2006 in Anlehnung an ein Werk des Surrealisten Raymond Roussel „Impressions d’Afrique“ nannte und bei Fotohof herausbrachte. Der zentrale Teil des Buchs, „Die Unvergleichlichen“, eine Serie von rund 60 Fotografien, wird in der Ausstellung als Fotostrecke präsentiert und gewinnt aus dem Nebeneinander unterschiedlicher Handlungsstränge und Kontexte die Mehrdeutigkeit surrealistischer Erzählweise. UT

Camera Austria, bis 5. 9.


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