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Bücher, kurz besprochen

Politik | aus FALTER 28/10 vom 14.07.2010

Den Nazi-Nummern Leben geben

Weil nichts so leicht vergessen wird wie eine Schuld, erfüllt das vorliegende Werk einen vorbildlichen Zweck. Es umfasst Informationen zu 1800 Menschen, die von den Nationalsozialisten in Kärnten ermordet worden sind. Die Nazis entpersönlichten ihre Opfer und reduzierten sie auf die Häftlingsnummer, das „Buch der Namen“ unternimmt das Gegenteil: Es rekonstruiert das Leben der Ermordeten, um die Erinnerung an sie zu erleichtern. Schade ist, dass dieses Vorhaben schlecht aufbereitet ist. Die vielen biografischen Daten bilden ein unüberschaubares Dickicht, das an die Verstecke der Partisanen im Kärntner Unterholz erinnert. Passend gewählte Auszüge aus den Werken von Josef Winkler und Peter Handke lassen einen das aber verzeihen.

Wolfgang Zwander

Baum, Gstettner, Haider, Jobst, Pirker (Hg.): Das Buch der Namen. Kitab, 847 S., € 28,21

Politik und Prostitution

Lange Zeit wurde die Notwendigkeit der Prostitution mit den „Erfordernissen der sexuellen Natur des Mannes“ erklärt. Silvia Kontos, Professorin für Soziologie und Frauenforschung an der FH Wiesbaden, beschäftigt sich in ihrem Buch mit der Geschichte und den Theorien zur Prostitution. Dabei zeigt sich ein ständiger widersprüchlicher Umgang mit dem Thema. So ist Prostitution zwar ein normaler Bestandteil der Gesellschaft, widerspricht aber den normativen Vorstellungen von Liebe und Ehe. Diese Ambivalenz erklärt auch, warum die Politik an diesem Thema stets scheitert, wie Kontos weiters ausführt. Das 428 Seiten dicke Buch ist eine sehr fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Reizthema.

Ingrid Brodnig

Silvia Kontos: Öffnung der Sperrbezirke. Ulrike Helmer Verlag, 428 S., € 33,90


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