Mediaforschung

Haben Sie abgeschaut, Herr Schulte Doeinghaus?

Nachfragekolumne

Medien | Vera Bandion | aus FALTER 28/10 vom 14.07.2010

Ein junger Mann lächelt in die Kamera, während ihm in Sekundenschnelle ein Bart wächst und er statt eines Kapuzenpullovers plötzlich Hemd und Krawatte trägt. Die Stimme aus dem Off sagt: „Die Welt um mich herum verändert sich. Jeden Tag. Und ich? Ich auch.“ Die Raiffeisenbank wirbt in ihrer neuen Kampagne damit, dass ihre Bankberater sich genauso schnell an die Bedürfnisse ihrer Kunden anpassen würden, wie dem Jungspund in der Werbung ein Dreitagebart wächst.

Die rasche Abfolge von Porträtfotos kommt vielen Zusehern von diversen YouTube-Videos bekannt vor. Fotograf Noah Kalina machte es vor: Er lichtete sich selbst sechs Jahre lang jeden Tag ab. Kalinas Video wurde über 16 Millionen Mal aufgerufen und hat viele Nachahmer gefunden – auch die Simpsons-Macher ließen Homer im Schnelldurchlauf altern. Haben die Werber von der Agentur Ogilvy Wien, die auch schon Hermann Maier für Raiffeisen in Szene setzten, also auch einfach nur abgeschaut? „Wir fanden, Noah Kalinas Idee passe gut zum Thema Kundennähe trotz Veränderung“, sagt Creative Director Gerd Schulte Doeinghaus. „Kalina hat es großen Spaß gemacht, sein Kunstprojekt noch einmal mit besseren technischen Mitteln als Werbekampagne umzusetzen.“

Der dunkelhaarige Mann und die junge Frau, die ebenfalls im TV und auf Plakaten zu sehen ist, wurden in Deutschland gecastet. „In Österreich bekommt man oft nur so aalglatte Typen, wir wollten mehr Authentizität.“ Mit der hapert es trotzdem, denn die Darsteller wurden an nur einem Tag unzählige Male fotografiert. Das Besondere an Kalinas Idee war, die Veränderung eines Menschen über Jahre hinweg zu dokumentieren. „Wir wollten Kalinas Projekt zitieren – die Assoziation mit seinem YouTube-Video war gewollt“, sagt Schulte Doeinghaus. Vera Bandion


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige