Enthusiasmuskolumne

Und der Stein ist Fleisch geworden

Diesmal: Der beste Stein der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 28/10 vom 14.07.2010

Zu Lebzeiten verdrehten die Museumskuratoren die Augen, wenn sie den Namen Alfred Hrdlicka hörten. Als wäre ihnen eine Wallfahrt mit Steinchen in den Schuhen angedroht worden. Hatten sie nicht lang genug daran gearbeitet, einen Videoprojektor anwerfen zu können, wenn ein „skulpturaler Raum“ gefragt ist?

Einer, der nur Michelangelo neben sich gelten ließ und sich mit Hammer und Meißel der Materie näherte, wirkte da anachronistisch wie eine filterlose Gitane in einem Nichtraucherabteil.

Wenige Monate nach seinem Tod traut sich das Belvedere an das Frühwerk Hrdlickas heran, präsentiert es gut ausgeleuchtet in blutrot gestrichenen Räumen, jener Farbe, mit der der Bildhauer und Agitator auch seinen Sarg anmalen ließ.

1963 haute er die Skulptur „Martha Beck nach ihrer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl“ aus weißem, jugoslawischem Kalkstein. Schwer hängt der verkrüppelte Unterarm über dem Gesicht, aus dem der Tod jedes Mienenspiel getilgt hat. Kopf, Brust, Gliedmaßen hängen lose aneinander, als wäre Apollo in eine Fleischermaschine geraten.

Nur das Spiel mit Licht und Schatten, das die Schraffuren der Steinoberfläche hervortreten lässt, birgt ein Moment ästhetischer Erlösung. Existenzielle Schwere, metaphysisches Leiden: Die anthropologische Statik von Hrdlickas Schmerzensmännern und -frauen ist so strapaziert, dass sie zu bersten drohen. Ein Filmkünstler müsste schon tief in die Trickkiste greifen, um einen vergleichbaren Effekt herzustellen.

Aber warum wählte der Kommunist und Antifaschist sich gerade eine in Sing Sing hingerichtete US-Massenmörderin für diesen Ausflug ins Horrorfach? Wohl nur, um dem gleichaltrigen Andy Warhol eins auszuwischen, der im selben Jahr den elektrischen Stuhl von Sing Sing in Form einer Siebdruckserie verewigte.

Quid haesitas lector? Der Tod lässt sich nicht reproduzieren.


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