Kritik

Fotoreise ins Mexiko der 20er-Jahre

Lexikon | aus FALTER 30/10 vom 28.07.2010

Wenn Frauen im Schatten von berühmten Künstlern stehen und ihr kreativer Output erst viel später gewürdigt wird, dann kippt die positive Bewertung oft ins Übermaß. So auch in der Retro zu Tina Modotti, die erst in den 90er-Jahren wiederentdeckt wurde. Modotti, die durch ihren Liebhaber Edward Weston zur Fotografie kam, hatte zweifelsohne ein interessantes Leben: Mit nur zwölf Jahren musste sie in Udine in einer Seidenfabrik arbeiten, bald folgte sie ihrem Vater nach New York. Später übersiedelte Modotti nach Los Angeles und spielte dort die Hauptrolle in dem Stummfilm "The Tiger’s Coat“, der auch in der jetzigen Ausstellung läuft. 1923 zog sie mit Weston nach Mexiko und erlernte dort die Grundlagen der Fotografie.

Aus jener frühen Epoche zeigt die Schau ihre Architektur- und Pflanzenstudien, noch eindeutig unter Westons Einfluss. Eigenständiger fielen ihre Bilder des Marionettenspielers Louis Bunin aus. Die Schau zeigt auch schöne Aktfotos von Weston aus dieser Zeit, für die Modotti posiert hat. Nach seiner Abreise betrieb sie mit wenig Erfolg ein Fotostudio, in das auch die Schauspielerin Dolores del Rio kam. Ihre stärksten Aufnahmen entstanden eindeutig in der Begegnung mit dem bäuerlichen Mexiko, bei den stolzen Frauen von Tehuantepec 1929, deren lange Trachtenröcke auch Frida Kahlo trug. Modottis zunehmende Politisierung führte zu teils dokumentarischen, teils propagandistischen Aufnahmen von Arbeiterkundgebungen. Aufgrund politischer Verfolgung verließ die Kommunistin Modotti Mexiko 1930, ließ ihre Kamera aber in Berlin, Moskau und im Spanischen Bürgerkrieg ruhen. An der jetzigen Retro sind die wenigen Vintage Prints zu bemängeln und dass sie lückenfüllerisch viel Platz Modottis uninteressanten Doku-Fotos von Wandmalereien widmet. NS

KunstHausWien, bis 7.11.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige