Meinesgleichen

Der Daumen und das Tragische

Falter & Meinung | aus FALTER 30/10 vom 28.07.2010

Man muss ja allerhand aushalten. Zum Beispiel erreichte mich kürzlich die Zusendung einer Agentur, die bereits durch ihre fröhliche Anrede mein Herz gewann: „Hallo Armin Thurnher, mit großer Bestürzung haben wir das Drama bei der Love Parade verfolgt und finden es richtig, dass Bild.de keinen „Gefällt-mir“-Knopf mehr unter solch tragischen Beiträgen stehen lässt.“

Mit ebenso großer Bestürzung las ich dieses Mail. Nicht nur das ebenso blöde wie ubiquitäre „Hallo“ ärgerte mich. Diese Anrede sagt natürlich bloß noch, dass sich hier außer einem Automaten niemand um eine bloße Grußformel kümmern mag. Hallo, das scheint immer zu passen, ob bei Alt oder Jung, bei Mann oder Frau, ob vertraulich oder förmlich. Denkste! Natürlich passt es nie. Wenn mich einer anhallot, habe ich schon gefressen.

In diesem Fall aber konnte ich nicht anders, als weiterzulesen. Warum sollte man unter „tragischen Beiträgen“ keinen „Gefällt-mir-Knopf“ stehen lassen? Abgesehen davon, dass die Besorgnis von der PR-Agentur eines Knopfherstellers artikuliert wurde – Hallöchen, ihr süßen Knöpfe! –, möchte ich euch an den Ursprung eures sensiblen Symbolchens erinnern: Es war die römische Arena, wo der Imperator, angefeuert von der blutrünstigen Menge, mit diesem Signal über Leben und Tod des Gladiators entschied. Daumen rauf, Daumen runter, das war und bleibt ein Appell an niedrigste Instinkte. Wer ihn auf seiner Webseite verwendet, richtet auch sich selbst.


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