Österreichs Politik-journalisten: Sie sind Linke, Spaßbremsen und die Watchdogs der Nation

Medien | aus FALTER 30/10 vom 28.07.2010

Rezension: Nina Horaczek

Stell dir vor, es ist Wahltag und nur Journalisten gehen hin. Dann hätten die Grünen mit 28 Prozent den Kanzler, gefolgt von der ÖVP mit 17 Prozent und die SPÖ teilte sich mit fünf Prozent die Oppositionsbank mit FPÖ und BZÖ, für die gemeinsam nur fünf Prozent an Stimmen blieben. 31 Prozent mögen alle Parteien gleich gerne und 14 Prozent verweigern jede Auskunft.

Das ist eines der Ergebnisse einer umfassenden Studie zu Politikjournalismus in Österreich, die vergangene Woche als „Der Journalisten-Report III“ in Buchform erschien. Die Autoren Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin und Daniela Kraus befragten dazu ein Drittel der insgesamt 300 Politikjournalisten Österreichs.

Das Ergebnis: Der typische Politikjournalist ist links, sieht sich als Watchdog der Nation, hat einen Hang zum Missionarischen und ist eine Spaßbremse: 97 Prozent wollen in ihrem Beruf Kritik an Missständen üben, 70 Prozent sich für die Benachteiligten in der Gesellschaft einsetzen.

Es „scheint die Tradition der Gesinnungspublizistik auch im österreichischen Politikjournalismus noch recht lebendig zu sein“, urteilt Studienautor Karmasin.

Interessant ist auch ein anderes Phänomen, mit dem sich das Buch beschäftigt: 74 Prozent der Befragten sehen in der „Verhaberung“ zwischen Politik und Journalismus ein Problem. Spannend wären hier vertiefende Fragen: Wo beginnt die Verhaberung? Gibt es spezielle Regeln im eigenen Unternehmen?

Dafür widmet sich Eva Weissenberger, stellvertretende Innenpolitik-Chefin der Kleinen Zeitung, unter dem Titel „Hey, add mich als friend“ diesem Distanzproblem aus Sicht der Journalisten.

Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin, Daniela Kraus (Hg.): Der Journalisten-Report III. Politikjournalismus in Österreich. Facultas, 172 S., € 24,40


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