Enthusiasmuskolumne

Der Soundtrack der mittleren Jahre

Diesmal: Die besten Scheidungslieder der Welt der Woche

Feuilleton | Sebastian Fasthuber | aus FALTER 30/10 vom 28.07.2010

Tracey Thorn ist super. Ihr Gesang klingt ganz beiläufig, so als würde sie während des Singens über etwas anderes nachdenken. Und doch verfügt die Engländerin über eine der schönsten, prägnantesten Popstimmen. Jeder, der in den 80er- oder 90er-Jahren eine Platte ihrer Band Everything But the Girl gehört hat, weiß das. Vor allem der Dreh von akustischem Pop zu elektronischen Liedern auf den letzten Alben zeitigte wunderschöne Resultate.

Leider macht Thorns Duo mit ihrem Gespons Ben Watt schon seit über zehn Jahren Pause. Watt war seitdem im Bereich House aktiv, seine Lebensgefährtin kümmerte sich um die drei Kinder und hütete das Haus. Sie sei immer schon lieber daheim gewesen als auf Tour, meint sie dazu.

2007 erschien mit „Out of the Woods“ ein Lebenszeichen der stets kurzhaarigen Sängerin: ein respektables Solo-Comeback, ein bisschen 80er, ein bisschen Zeitgeist, aber auch nicht mehr. Jedenfalls konnte dieses Album einen nicht darauf vorbereiten, was Thorn nun mit „Love and Its Opposite“ (Strange Feeling) wagt und schafft: ein schonungsloses, treffendes Album über die mittleren Jahre. Krankheiten, Scheidungen, Todesfälle – yeah, yeah, yeah!

Aber Achtung: In Songs wie „Oh, the Divorces“, „Hormones“ (Mutters Hormone verabschieden sich, während die der Töchter erstmals richtig reinhauen) oder „Singles Bar“ (der Ort der Verzweiflung) hört sich Tracey Thorn nie bitter an. Sie klingt realistisch, angemessen schwermütig, lässt aber zwischenzeitlich auch feinen schwarzen Humor durchschimmern.

Es sei keine autobiografische Platte, erklärt sie. Fast möchte man es ihr glauben. Zumindest die Scheidungssache dürfte sie bloß im Bekanntenkreis beobachtet haben. Nicht genug, dass das neue Album auf Ben Watts Label erscheint, die beiden haben nach 25 Jahren im Vorjahr auch noch spontan geheiratet. Und die Kinder werden auch langsam groß. Einer Reunion von Everything But the Girl sollte nichts im Wege stehen.


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