Der lichtblaue Avatar und die Cowboyschlümpfe: Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“

Feuilleton | aus FALTER 30/10 vom 28.07.2010

Theaterkritik: Martin Lhotzky

Was wurde nicht schon alles in Ferdinand Raimunds romantisch-komisches Original-Zauberspiel „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ (1828) hineingeheimnist: Die Köhlerszene mit ihren prekären Existenzen sei vorweggenommener Gerhart Hauptmann, der geisterhafte Alpenkönig eine zensurbedingt verklausulierte Hommage an den liberalen Habsburger Erzherzog Johann …

In der Sommerarena Baden weiß es Jérôme Savary besser. Alpenkönig Michael Masula herrscht als lichtblauer Avatar über eine Bande von gestreiften Cowboyschlümpfen und ist einem Flirt mit Stubenmädeln und noblen Damen nie abgeneigt.

Menschenfeind von Rappelkopf (Karl Markovics) lässt gerade noch die Natur gelten und deswegen alles weiß kleiden und streichen, weil andere Farben die reine Falschheit sind. Besonders gilt das für den kunstmalenden Schwiegersohn in spe in orangerotem Anzug und grünem Hemd.

In den Umbaupausen singt Nicole Beutler als Rappelkopfs Gattin Chansons von Jacques Brel. Die Begleitmusik scheint, trotz passabler Leistung des Badener Orchesters unter der Leitung von Oliver Ostermann, überhaupt irgendwo in den 1970er-Jahren steckengeblieben zu sein.

Als sein eigener Schwager, der den in sein Alter Ego verwandelten Alpenkönig beim paranoiden Wüten beobachtet und dadurch geläutert wird, darf Markovics später dann wirklich sein biedermeierkomödientaugliches Talent ausleben. Richtig zum Lachen wird es aber nur selten. Allenfalls zum Kichern, etwa bei den Auftritten von Boris Eder als Habakuk.

Vielleicht kann man diese Zauberposse mit viel zu viel Gesang wirklich nur mehr als Kinderstück oder ironisch gebrochen in Szene setzen. Man sollte sich aber schon für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden und nicht zwischendurch noch Anflüge von ernsthaften Ideen hineinmischen. Sonst wird es lächerlich – man fühlt sich vom Alpenschrat auf den Arm genommen.


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