Selbstversuch

Ein schönes Puzzle hätte es auch getan

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 30/10 vom 28.07.2010

Der Lange hat den Kindern die CD von „Großstadtgeflüster“ mitgebracht, das war keine gute Idee. Der Lange hat gesagt, dass das aber doch eine typische Bravo-Teenie-Band ist! Kann er doch nicht wissen! Hätte er sich vielleicht vorher anhören müssen, dann müssten wir jetzt nicht den Kindern erklären, was Nutten sind und was Koks ist, und wir müssten nicht die Eltern des Gastkindes bei dessen Abholung schon mal warnen, dass ihre Wie-ein-Baby-entsteht-Basis-Aufklärung nicht mehr reichen wird, es geht beim Ficken jetzt ins Detail. Das passiert, wenn der Lange den Kindern etwas mitbringt. Ein schönes Puzzle wäre auch fein gewesen! Oder eine Astrid-Lindgren-DVD! Obwohl die Bullerbü-Zeiten wohl endgültig vorbei sind, die Mimis haben jetzt, nachdem sie seit Monaten Star-Wars-Devotionalien anhäufen, endlich „Star Wars“ gesehen, alle Teile, was ihnen wieder einmal einen Wissensvorsprung ihrer Mutter gegenüber verschafft hat. Aber ich muss nicht alles wissen. Und Star Wars ist nun einmal, wie auch das Sammeln von Fußballpickerln, etwas für Kinder unter zwölf und für Buben über 25, alle anderen Menschenarten verstehen das einfach nicht.

Erstaunlicherweise haben sich die Mimis nicht gefürchtet: Filme, in denen Klon-Androiden oder was weiß ich gekillt und irgendwelchen Skywalkern die Arme abgetrennt werden, sind momentan weit weniger schlimm als Filme, in denen sich Menschen küssen. Hilfe! Gib mir ein Kissen! Peinlich! Das ist ja so peinlich! Ich kann nicht hinsehen! Graus! Weah! Obwohl sie am Abend, wenn man ins Kinderzimmer lauscht, dann doch heimlich das neue Wissen, das sie aus des Langen Gabe generiert haben, besprechen, ich hab’s gehört.

Mir wär’s ja lieber, sie würden Musik wie die von Laura Marling hören, die ist nur ein paar kleine Jährchen älter als die Mimis, macht aber Lieder, die sehr viel älter sind. Bisschen feistig, bisschen finkig, bisschen ryanadamsig, sehr schön. Auch der CD-Titel: „I speak because I can“. Ja, genau. Daneben will die Mutter, nachdem sie sich an John Grant nach acht Wochen Powerplay ein bisschen sattgehört hat, jetzt wieder alle Lieder von Townes Van Zandt hören. Ich habe mir nämlich endlich, wie der Xaver seit Monaten befiehlt, die Van-Zandt-Doku „Be Here to Love Me“ angesehen und bin von zwei Sachen ziemlich flach: von der wunderbaren, schüchternen Perfektion seiner frühen Songs. Und dann habe ich Townes Van Zandt einmal bei einem seiner späten Konzerte gesehen, und ich erinnerte mich immer an einen greisen, zittrigen, halb weggetretenen Mann, der in der Szene Wien auf der Bühne eingenickt ist: Und tatsächlich war er, als er 1997 starb, 52 Jahre alt. 52. Heiliger. Es gibt in dem Film eine berührende Szene, in der sein jüngerer Sohn erzählt, dass er bisher nur Hip-Hop gehört habe. Und im Moment nur noch die Musik seines Vaters. Es gibt also auch für die Mimis jede Menge Hoffnung.


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