Zerschossene Mannsbilder und geniale Farbspritzer

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 31/10 vom 04.08.2010

Das Essl Museum zeigt Niki de Saint Phalle und Max Weiler

Eine kleine Auswahl von Skulpturen der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930–2002) ist im Essl Museum zu sehen. Anfang der 60er-Jahre bastelte sie aus Drähten, Spielzeug und Nippes porträtartige Figuren.

Einige weisen Einschusslöcher auf. In feministischer Absicht beschädigte die Künstlerin die männlich geprägte Porträtkunst. „La marieé à cheval“ zeigt eine Braut in Weiß, die auf einem Pferd reitet, das aus Schwemmgut der Konsumgesellschaft gemacht ist.

1979 legte Saint Phalle in der südlichen Toskana den Giardino dei Tarocchi an, der inzwischen auch öffentlich zugänglich ist. Einige der Gartenskulpturen sind in Klosterneuburg ausgestellt. Ein großer Teil des Nachlasses befindet sich im Sprengel Museum Hannover, das auch die Leihgaben für diese Schau zur Verfügung stellte.

Ungleich sorgfältiger ist die mit zahlreichen Leihgaben bestückte Schau über den Tiroler Künstler Max Weiler anlässlich dessen 100. Geburtstages. Im Ausland so gut wie unbekannt, gilt der 2001 verstorbene Maler als der österreichische Maler schlechthin. Die Kunsthistoriker sind sich uneinig, ob es sich bei Weiler um den Maler luftiger Hügel und Hänge handelt oder um einen wirklichen Abstrakten, der es – auf der Höhe der Zeit – richtig rinnen und tropfen ließ.

Das Beweismittel sind Schmierpapiere, auf denen Weiler die Farben mischte und den Pinsel abstreifte. Wenn er diese zufällig entstandenen, rein prozessualen Bilder tatsächlich als Vorlage für seine großformatigen Bilder verwendet hat, war er tatsächlich ein Avantgardist. Als weitere Inspirationsquelle werden chinesische Literatensteine gezeigt, deren zufällige Gestalt im Taoismus als Modell kosmischer Ordnung betrachtet wurde.

Okay: Weiler ist der Absamer John Cage, Tirols Antwort auf Jackson Pollock. Jetzt müssen nur noch ein paar Museumsdirektoren davon überzeugt werden.

Essl Museum: bis 26.9. (Niki de Saint Phalle)bzw. 29.8. (Max Weiler); www.essl.museum


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