Phettbergs Predigtdienst

Doch wann ist „dann“?

Kolumnen | aus FALTER 31/10 vom 04.08.2010

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

Brigitte Schwaiger ist tot. Ich hab zwar nie was von ihr gelesen, denn Lesen war nie mein Fach, doch da ich ein Fan von Friedrich Torberg bin, betrachte ich mich auch als ihr Fan. Meine Wohnung platzt vor Büchern und ich hab immer vorgehabt, meine tausenden Bücher „dann“ zu lesen. Doch wann ist „dann“?

Mein Jüngstes Gericht hat mich zu Hirnangeschlagenheit verurteilt. Wenn du sonst keine Kommunikation pflegst, dann doktert die Geistlichkeit das für dich – Gott, Ewigkeit, Jüngstes Gericht und so ... Die Geistlichkeit legt dich ins Grab und erzählt dir Wohlriechendes. Wie Eltern so was eben tun, damit ihre Kinder behutsam schlafen. Heimat ist allüberall Not. Meine Heimat ist das Gestionieren.

Vor circa zehn Jahren bin ich Frau Schwaiger das letzte Mal begegnet und hab mir keine rechte Zeit für sie gelassen. Sie war so verzweifelt, bis sie nur mehr durch ihren Tod auf ihre Not aufmerksam machen konnte. Wir sind zu viele und zu wenige und wir rasen aneinander vorbei. Aus all diesen tausenden enttäuschten Hoffnungen fiel dann ihr Sterben. Möge doch diese „Gott“-Gestalt Brigitte Schwaiger zuliebe ein herzinniges Leben „dann“ ermöglichen.

Jedes Begegnen ist eine neue beginnende Hoffnung. Immer bin ich zu ängstlich, und alle wenden sich von mir ab. Dieses Ängstlichsein merken die mir Begegnenden aus winzigen Blicken. Es werden keine großen Erklärungen abgegeben, wie ich das gerne hätte. De facto bin ich ein Angsthase.

Betrachtet die beiden Schokolade-Nikoläuse in meiner Küche, die in Wirklichkeit Schokolade-Osterhasen sind. Um vorm Umgegossenwerden sich zu schützen, haben sich die beiden als Osterhasen verkleidet. Meine Mama hatte sich als zweites Kind so sehr eine Tochter gewünscht, damit sie im Alter „dann“ eine Frau an ihrer Seite wüsste. Doch ich wurde ein Bub. Also ist der Blumenständer in meiner Küche, der von meinem Bruder Theo in seinen Knabenhandarbeiten gebaut wurde, die allerheiligste Monstranz meines Lebens. Vor den beiden sich vorm Umgießen schützenden Osterhasen steht ein winziger Nikolaus aus Ton. Das stellt die Vorkammer zum integrierten Gesamtjenseits dar. Um vom Umgegossenwerden s/mich zu hüten, steh ich allein mein Leben durch.

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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