Kritik

Zerrissene Mauern, zerbröselnde Wände

Lexikon | aus FALTER 32/10 vom 11.08.2010

Als Bildhauer darf man nicht zimperlich sein. Zumindest galt es so im traditionellen Verständnis dieser Kunstform, wo Mann einen Steinblock beklopfte oder an den Formen für Abgüsse schuftete. Auch Christoph Weber hat sich für seine Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan die Hände schmutzig gemacht – vom rein plastischen Gestalten ist er aber weit entfernt.

Der 1974 geborene Künstler warf in seiner Schau „loose concrete“ Tonklumpen gegen eine Wand, um davor angebrachte meterhohe Holzplatten zu bedecken. Wer nicht bei der Vernissage der Schau war, kann diese Installation aber nur mehr im Verfallstadium betrachten: Getrocknet fiel der Ton innerhalb eines Tages auf den Galerieboden.

Weber bringt seine Mauer nicht umsonst zu Fall. Er bezieht sich auf den hohen Grenzwall aus Stahlbeton, den Israel stellenweise um das Westjordanland errichtet hat. Diese politische Konnotation von Webers Arbeiten wird durch eine Reihe von Betonbildern klar, in deren glatte Oberfläche schattenhafte Bilder gekratzt sind. Soldaten und Grenzgänger sind da zu erkennen. Es klingen Dramen von Aussperrung, Flucht und Verfolgung an, wie wir sie gewöhnlich in den Medien sehen. Als politische Kunst wirkt die Übertragung solcher Bilder in Stein aber doch etwas zu sprichwörtlich.

Den gewaltvollen Grenzmauern stellt Weber in seiner Einzelausstellung eine andere Form der Verwendung von Beton gegenüber. Auf Zementstaub am Boden sind Ornamente gesprayt, die aus der Bauhaus-Architektur Tel Avivs stammen. Die europäischen Emigranten hätten sich wohl nicht gedacht, zu welchen brutalen militärischen Mitteln der damals noch verklärte Zukunftsstaat Israel einst greifen würde. NS

Galerie nächst St. Stephan, bis 21.8.


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