Ohren auf

Neue Musik für seltsame Solisten

Sammelkritik

Lexikon | Carsten Fastner | aus FALTER 32/10 vom 11.08.2010

In girum imus nocte et consumimur igni“ – dieses lateinische Rätselpalindrom stellt der Schweizer Saxofonist Christian Kobi wie ein Motto über sein Debütalbum „Canto“ (Cubus Records). Egal, ob man diesen Satz von vorne oder hinten liest, er bedeutet auf deutsch: „Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt“. Wer damit gemeint ist, das verrät Kobi nicht.

Stattdessen stellt sich der 34-Jährige mit einem knapp halbstündigen Solo für elektronisch verfremdetes Sopransaxofon vor: ein schier endloser Atemzug, der kaum an- und abschwillt, aber gleichsam auf seiner Oberfläche durch einen Mikrokosmos aus Obertönen, brüchigen Flageoletts und knisternden Geräuschen schwirrt. Faszinierend seltsam klingt das – und es stellt sich die Assoziation ein von Motten, die des Nachts ums Feuer schwärmen.

Deutlich abwechslungsreicher geht es auf zwei Fortsetzungen der Porträtreihe des Ensemble Modern zu, mit der sich die Mitglieder dieses renommierten Klangkörpers solistisch vorstellen (Ensemble Modern Medien).

Der Flötist Dietmar Wiesner hat sein Album nach einer eigenen Komposition „Ghibli“ benannt, die hörbar von diesem heiß-trockenen libyschen Wüstenwind inspiriert ist. Ansonsten reicht der Bogen von den unverfremdeten Flötenklängen in Edgard Varèses „Density 21.5“ über überraschende neue Spieltechniken in Emmanuel Nunes’ „Auro“ bis hin zu Alan Fabians Solodialog „Resonance“, der reale und in Echtzeit digital bearbeitete Klänge kombiniert.

Ähnlich breit das Spektrum auf „Nemeton“, dem Album des Perkussionisten Rainer Römer. Er präsentiert sich auf zwei kleinen Bongos (mit einer Komposition von Ernstalbrecht Stiebler), auf der kleinen Trommel (Nicolaus A. Huber, Gerhard Müller-Hornbach), natürlich auf einem umfangreichen Schlagwerk-Set (mit dem titelgebenden Werk von Matthias Pintscher), aber auch auf Vibrafon (Helmut Oehring) und Marimba – Letzteres übrigens mit einer ergreifenden Pavane des Renaissance-Komponisten William Byrd.


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